Zombies, Leichen, Killer, Blut
21.09.2009Es wird immer mehr gefoltert. Sobald ich ins Kinoprogramm oder auf die Regalwand einer Videothek schaue, starren mir abgehackte Köpfe, blutige Augäpfel auf Löffeln oder zerfetzte Gliedmaßen entgegen. Das finde ich erstens als passionerter Film- und Kinofan langweilig, als Psychologe jedoch höchst bedenklich.
Es geht nicht um den guten, alten Actionfilm, um ein paar Maschinengewehrsalven. Ich habe in meiner Jugend auch “Doom” und “Duke Nukem” gezockt. Meiner Meinung nach handelt es sich bei den Erfolgen von Streifen wie “Saw” um eine neue Gewaltqualität: sadistisches Foltern und Töten, die blanke Lustangst. Dazu zwei Erlebnisse:
Nürnberg, Videothek. Ich sehe einen Film im Regal (in der normalen Abteilung, nicht im Ab18-Bereich): “Senseless”. Typ romantische Komödie, denke ich zuerst beim Titel. Ich drehe das Cover um und lese den Text auf der Rückseite. Inhalt: Ein amerikanischer Geschäftsmann wird gefangen und von einer Anti-Globalisierungsbande gefoltert. Auf einer Internetseite wird das Foltern veröffentlicht, und die User können Geld spenden. Entweder für seine Freilassung oder für die weitere Folterung und Tötung. Währenddessen schneidet ihm die Bande die Ohren ab, sticht ihm die Augen aus etc. Ich frage mich: WER DENKT SICH EINEN SOLCH GEISTESKRANKEN, ABARTIGEN SCHEISSDRECK AUS??
Nürnberg, Foyer Cinecitta, laut Eigenwerbung “Europas erfolgreichstes Multiplex-Kino”. Direkt neben den Kassen steht ein überlebensgroßes Plakat von “Saw 4″: Ein abgehackter Kopf liegt blutend auf einer Waage. An diesem Papp-Schild müssen alle vorbei, einschließlich Kindern. Ist dieses obszöne, widerliche Foltermachwerk wirklich schon so “normal”, dass ich als Kinobetreiber ohne Nachdenken alle Besucher jenseits der Säuglingsgrenzen bedenkenlos damit konfrontiere?
Worum es mir hier NICHT geht, ist eine Debatte a) um die Actionfilm-Gewalt a la Schwarzenegger oder b) eine Debatte über den Zusammenhang von Gewaltfilmen und Amokläufen. Ich behaupte: Es ist eine Äre neuer, schlimmerer Gewalt im Kino und auf DVD geboren: die sadistische Gewalt, die offene, enttabuisierte Lust am Foltern und Töten. Das bereitet mir große Sorgen, denn natürlich beeinflussen Filme (neben vielen anderen Dingen) unser Denken. Wir stumpfen ab, übernehmen Sichtweisen, himmeln Idole an etc. Gewalt, um ein Ziel zu erreichen, ist schon schlimm genug. Doch die Botschaft von “Saw” und all den anderen Miststreifen ist schlimmer: Gewalt als reiner Sadismus, ohne einen Versuch moralischer Rechtfertigung, als Höhepunkt der menschlich vorstellbaren Verrohung. Und das ziehen sich auch unsere Kinder rein.
Keine verwandten Artikel.



