Wie fragwürdig ist die beliebte Krankentage-Statistik?

20.07.2010

“Traue nur einer Statistik, wenn du sie selbst gefälscht hast”, weiß schon der Volksmund. Nun – nicht jede Statistik ist gefälscht oder verzerrt. Als ausgebildeter Statistiker sehe ich aber oft genug, an welchen Rädchen gedreht worden ist, um zum Beispiel Unternehmensentwicklungen zu schönen oder die Debatte um den Klimawandel anzuheizen (sorry, kleines Wortspiel).

Aktuell geht es um zumindest fragwürdige Zahlen zum Thema “Fehltage von Arbeitnehmern”. Mit diesen Zahlen bzw. deren Interpretation hat sich der Journalist Stefan Niggemeier beschäftigt. Er hat recherchiert, dass sich die so oft in den Medien zitierte Zahl (Beispiel) des Statistischen Bundesamtes nicht auf eine kontinuierliche Messung bezieht, sondern auf zwölf Stichtage im Jahr: jeweils den 1. eines Monats. Somit summiert sich die Stichproben-Grundlage nicht auf 365, sondern nur auf 12 (!) Tage. Alles, was innerhalb eines Monats an Fluktuation geschieht, bleibt außen vor. Ebenso kurzzeitige Abwesenheiten ohne offizielle Arzt-Krankmeldung. Nun sind 12 Stichtage für eine derart politisch und wirtschaftlich aufgeladene Zahl eine eher dünne Basis.

Wie Niggemeier richtig feststellt, ist die Ungenauigkeit der Messung noch nicht einmal das Kernproblem – würde man die Ungenauigkeit so an die Öffentlichkeit kommunizieren. Leider machen Journalisten daraus nicht nur angeblich hochwahrscheinlich gesicherte Erkenntnisse, sondern stellen gar kausale Zusammenhänge her. Also Ursache => Wirkung. In diesem Fall: Weil die Konjunktur wieder anzieht, trauen sich die Deutschen wieder, öfter krank zu sein. Wer etwas von statistische Analyse versteht, weiß, wie gefährlich und oft irreführend solche angeblichen Ursache-Wirkung-Mechanismen sind. Wenn überhaupt, kann man lediglich von Korrelation sprechen, einem rein mathematischen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen. Und selbst diese steht auf einer wackeligen Datenbasis.

Der politische Vorteil einer wackeligen Datenbasis einerseits und der Statistik-Unwissenheit der Bevölkerung andererseits liegt darin, dass “Experten” Ursache-Wirkung-Zusammenhänge je nach politischem Gusto und persönlicher Überzeugung konstruieren dürfen, ohne sich dafür mit harten Zahlen rechtfertigen zu müssen. Und weil das so schön plausibel klingt und wir Menschen grundsätzlich nach Erklärungen in einer immer komplexer werdenden Welt suchen, werden die Zahlen zu den Krankentagen als Agenturmeldung an Pressedienste ausgeliefert und dutzend-, ja hundertfach unhinterfragt unters Volk gebracht.

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1 Kommentar


  1. Also ich halte diese kommunizierten Wahrheiten auch für äußerst gefährlich. Vielleicht erinnern Sie sich noch vor Jahren stand mal in der BILD, dass die Partei die Grüne 5 Mark für den Liter Benzin haben wollen. Dies haftet der Partei latent an, doch so weit ist es 10, 15 Jahre später immer noch nicht gekommen.

    Davon abgesehen hat man uns im Grundstuidum Sozialwissenschaft zwei Dinge beigebracht: a) es gibt keine direkten Zusammenhänge, vielmehr hat man uns das Grundmodell einer mehrschrittigen Erklärung ans Herz gelegt und b) haben wir den Begriff der “Repräsentativität” sehr oft diskutiert.

    Ich frage mich, warum man institutionalisiert solches Wissen propagiert und Studierenden sagt, dass Statistiken gefährlich seien, gleichzeitig aber solchen Dummfug in der Berichterstattung duldet.

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