Warum redet niemand mehr über die wichtigen Dinge?
02.06.2010Der amerikanische Forscher Craig Venter hat künstliches Leben erschaffen. Ein Bakterium, vorerst. Trotzdem ist dies wahrscheinlich einer der bedeutendsten Momente der Menschheitsgeschichte. Es nimmt einem den Atem. Und hört man davon irgendetwas im Radio oder Fernsehen? Nein. Es wird – außer in einer dünnen 20-Sekunden-Meldung in den Nachrichten – einfach ignoriert.
Eigentlich müsste sofort eine gesellschaftliche Debatte losgetreten werden. Ethik-Experten, Künstler, Forscher sollten sich äußern und die Menschen über Fakten und Hintergründe aufklären. Damit klar ist, welche neue Epoche hier gerade anbricht.
Die Venter-Geschichte ist nur ein Beispiel. Wir haben es verlernt, über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Mich interessiert es einen Dreck, ob das Klopapier im Lager der Fußball-Nationalmannschaft 4-lagig ist oder welches Flugzeug sie benutzen, um nach Afrika zu fliegen. Wenn das die journalistischen Meldungen zur Hauptsendezeit sind, haben es die Medien verdient, vom kostenlosen Internet verdrängt zu werden. Sie kommen ihrer Aufgabe überhaupt nicht mehr nach, Relevantes von Irrelevantem zu trennen. Eine “Twitterisierung” der Medien. So verlieren sie eine wichtige Kontroll- und Qualitätsfunktion für die Bildung der öffentlichen Meinung.
Das bringt uns zum nächsten Punkt: Die “Selbstreferenzialität” der Kommunikation. Man ist sich selbst genug. Früher hat eine Person A noch mit Person B gesprochen. Es gab ein Ziel der Kommunikation, Botschaften, Inhalte. Heute twittert man ins Off und masturbiert mehr oder weniger an der Wichtigkeit der eigenen Timeline. Zweckfrei, sinnfrei, einfach digitales Brabbeln.
Die nächste Stufe wäre nur noch das Selbstgespräch, normalerweise (wenn es überhand nimmt) ein Signal psychischer Krankheit. Man kann das sehr schön beobachten, wenn man jemandem auf der Straße begegnet, der scheinbar sinnlos vor sich hin murmelt (und keinen Telefon-Knopf im Ohr hat). Man ist befremdet, stutzt, weil das Verhalten aus dem Rahmen fällt. Bei Twitter ist sowas ganz normal.
Mir geht es nicht speziell um Twitter, sondern um die grundsätzliche Tendenz der Medien und uns, mehr und mehr irrelevantes Zeug abzusondern, ohne uns den tatsächlich wichtigen Dingen unserer Welt zu widmen.
Noch ein Beispiel: Horst Köhler. Jeder hat zu seinem Abgang eine Meinung. Die Frage aber ist doch: Was ist der tiefere Grund, das Muster der Null-Bock-ich-mag-nicht-mehr-Haltung von Horst Köhler, Roland Koch etc.? Worin liegt die gesellschaftliche Lehre daraus? Eine Disukssion hierüber wird von den boulevardesken Medien überhaupt nicht geführt. Wahrscheinlich, weil sie den Zuschauer / Zuhörer / Leser für zu dumm und uninteressiert halten. Eine gefährliche Tendenz. Unwissen heißt nicht Ignoranz, kann aber in diese umschlagen.
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Jahrgang 1975, Diplom-Psychologe mit Hang zur IT, Coach, Autor und hoffnungs- loser Jazz-Fan. Motto: "Es gibt im Leben nur einen richtigen Weg: den eigenen."
Bei der Venter-Nachricht habe ich mich ernsthaft fragen müssen, warum sich dafür anscheinend niemand interessiert. Auf der Süddeutschen war es immerhin auf der Titelseite, aber sehr klein und ohne tiefergehende Informationen.
Das twittern (oder facebooken, etc.) ins „Off” halte ich aber für eine andere Thematik: Die Kommunikation in nur eine Richtung. Durch das Followersystem und die durchaus stattfindenden Reaktionen das Publikums sehe ich das aber nicht negativ. Obwohl die Gefahr des Selbstgesprächs natürlich vorhanden ist, da hast du völlig recht.
Stimmt! Wissenschaftliche Themen machen den 0815- Journalisten natürlich Angst. Ganz davon abgesehen, dass die Medien richtige Spezialisten teuer bezahlen müssten, ohne dass dabei die Auflagen in die Höhe schießen.
@Karin
Wie könnte man den Journalisten denn die Angst nehmen? Sie scheinen doch Ihrer Website nach eine Spezialistin für Medienkommunikation zu sein…
@Markus
Journalisten die Angst vor falschen Aussagen zu nehmen, wäre wohl nicht der richtige Weg. Ich würde eher empfehlen, dass der Journalist in erster Linie ein Wissenschaftler sein sollte, der weiß wovon er redet. Das wäre optimal.
Vor Jahren sprach ich mit einem Genspezialisten, der sich über den Unsinn beschwerte, den einige Journalisten über Genmanipulation schrieben. Dabei kommen natürlich Fakten mit Emotionen in Konflikt.
Journalisten stehen heute eher vor ihrer emotional begründeten Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie Dinge schreiben, die nicht der Marktnachfrage entsprechen.
Ein gutes Beispiel dessen, was Journalisten riskieren, erkennen Sie in der Affäre “Bettencourt”. Das Online-Journal (Dissidenten einer großen Tageszeitung) sind ein hohes Risiko eingegangen, weil sie die Sache an die Öffentlichkeit brachten. Da kam ein anscheinend kleiner Stein ins Rollen und wurde zu einer Lawine und auch zu einem Buzz.
Der Präsident soll eine persönliche Klage gegen das Journal angekündigt haben. Zu spät, das Ding ist gezündet.
Mich als Spezialistin für Medienkommunikation zu bezeichnen, das ist sehr schmeichelhaft, aber ich muss es leider zurückweisen, weil ich mich eigentlich nur als Mittel zum Zweck sehe. Vermittlung durch Kontakte, Verständigung durch Verdolmetschung und Übersetzung, das sind meine eigentlichen Aktivitäten.
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