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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Vergessen kann ein Segen sein

10.12.2009

Ich freue mich jedes Jahr auf Dezember, weil ich auf eine bestimmte Schlagzeile warte. Und sie kommt. Jedes Jahr. Heuer macht der SPIEGEL das Rennen:

Mehrere Tote bei Wetterchaos in den USA

lautet die Schlagzeile. Und ich setze mich jedes Jahr in den Schaukelstuhl, zünde mein Pfeifchen an und frage mich: Wie kommt es, dass jedes Volk der Erde damit rechnet, dass auf Herbst der Winter folgt – nur die Amerikaner nicht? Denn das mediale Spiel mit dem “Wintereinbruch” geht ja jedes Jahr aufs neue los, und immer mit den USA. Dabei haben wir fast Mitte Dezember, und wenn es mal schneit, sollte es den Durchnittseinwohner in, sagen wir, Montana nicht sonderlich überraschen.

Lassen wir mal beiseite, dass bei einem Volk von 305 Millionen die im SPIEGEL genannten 16 Toten durch Verkehrsunfälle sehr bedauerlich sind, aber im Grunde nicht zu einer Schlagzeile taugen. Lassen wir ebenso außer acht, dass die vielzitierte “zusammenbrechende Stromversorgung” in den USA meist Drittwelt-Niveau hat, die, wenn sie nicht ausgetauscht wird, irgendwann sowieso zusammengebrochen wäre. Und lassen wir ebenso außer acht, dass der mittlere Westen der USA – na, wer weiß es? – genau, aus Gebirge besteht, nämlich den Rocky Mountains, die nicht mit einem Palmenstrand auf Tahiti verwechselt werden dürfen.

Das eigentlich Interessante an Artikeln wie diesen ist, dass sie uns immer wieder aufgetischt werden können, ohne dass die meisten merken, wie oft sie bereits wiedergekäut wurden. Grund ist eine segensreiche menschliche Eigenschaft: das Vergessen.

Wir streichen für unser Leben irrelevante Ereignisse und Meldungen aus unserem Leben, damit Platz bleibt für die wirklich wichtigen biographischen Erinnerungen. Das Leben besteht nun mal aus Momenten, und unser Gehirn schreibt die Erzählstruktur dazu. Da ist ein Artikel über Winterstürme zwar mal was zum Naschen, aber das echte Essen holt sich das Gehirn woanders. Daher taugen solche Dinge wie “Winterchaos” auch als Schlagzeile, weil wir sie immer wieder als neu wahrnehmen bzw. vergessen haben, dass sie Ausdruck eines normalen, sich wiederholenden Vorgangs sind. Sie sind Stimulanz, mediale Aufmerksamkeitshascherei ohne Gehalt oder Sinn für unser persönliches Leben. Von diesen an sich sinnlosen Botschaften gibt es immer mehr, da es immer stärker um kurzfristige Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuschauers geht.

Genauso ist es mit Politikerversprechen, Wahlkampf, guten Vorsätzen. “Da war doch mal was, oder?” Genau, nur was, wissen die wenigsten. Es braucht Chronisten dieser Dinge, um langfristige “Kontrollen” der Geschehnisse vorzunehmen und alte Zöpfe mit neuen Ereignissen zu vergleichen: Journalisten, Psychologen, kritische Bürger. Ich persönlich habe eben die “Wetterchaos”-Schlagzeile aus dem Meer des Vergessens geholt und überprüfe sie. Nicht sehr wichtig, aber ein schönes Beispiel für den Mechanismus.

Was ich sagen wollte? Keine Ahnung, aber der SPIEGEL-Artikel hat mich einfach aufgeregt. Ich gehe jetzt erstmal einen Espresso trinken.

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