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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Unbekanntes und Erschreckendes über Coaches

01.02.2010

Die Uni Marburg hat sich mit Coaches und ihren Kunden beschäftigt und eine bislang unveröffentlichte Studie produziert; man kann sie bei Haufe in Auszügen lesen.

Ich möchte einige Ergebnisse herausgreifen und kommentieren, die ich für bemerkenswert halte und die sowohl Coaches als auch ihre Kunden angehen (Hervorhebungen von mir).

Offensichtlich kann aber kaum ein Coach in Deutschland nur vom Coaching leben. Nur zehn Prozent der in der Studie befragten Coaches geben an, dass sie ausschließlich dieser Tätigkeit nachgehen.

Das macht mich sehr nachdenklich. Ein Berufsstand sollte in der Vollzeit verankert sein, natürich mit Spielraum hin zu Teilzeit und sporadischen Einsätzen. Aber 90% Teilzeit, und das in einem wachsenden Markt? Mich erschreckt das fast ein wenig, denn ich bin einer der 10%. Ich arbeite Vollzeit als Coach, und zwar ausschließlich als Einzelcoach. Ich kann davon leben, und das gut. Der springende Punkt ist: Ich habe auch den Anspruch, mit meinem Beruf eine Familie zu ernähren. Man müsste wissen, was hinter der Teilzeit steckt: Wille? Oder nicht genügend Marktanteil, sodass eben nicht mehr dabei rumkommt?

Wenn Coaches flächendeckend eine Teilzeit-Mentalität entwickeln, wundern mich manch akademisch-dogmatische Elfenbein-Diskussionen wie die Frage, ob man im Coaching Ratschläge geben darf, nicht.

2006 haben noch 77 Prozent [der Coaches, Anm. d. Autors] Umsätze bis zu 30.000 EUR verbuchen können, im Jahr darauf konnten dies nur nuch 72 Prozent von sich behaupten und 2008 kommen nur noch 68 Prozent auf diesen Umsatz.

Also: 2008 haben nur ein Drittel der befragten Coaches maximal 30.000 EUR mit Coaching verdient. Soviel bekommt hier in Nürnberg ein unterer IT-Support-Mitarbeiter. Und das sind noch nicht einmal die Zahlen vom Krisenjahr 2009. Da muss ich wieder eigene Ergebnisse dagegenstellen: Ich habe 2009 deutlich mehr als 50.000 EUR verdient, und zwar nur mit Einzelcoaching. Das geht.

58 Prozent der Kunden werden durch Empfehlungen auf Coachs aufmerksam. 45 Prozent der Coachs machen daher auch keine Werbung für ihre Dienstleistung. Die anderen 55 Prozent bedeinen sich mehrerer Maßnahmen wie zum Beispiel einer eigenen Homepage (94 Prozent) oder der Pflege von Netzwerken (81 Prozent).

Diesen Trend kann ich bestätigen. 2009 sind bei mir 90% der Kunden von selbst gekommen (über Empfehlung oder über die Homepage); nur 10% habe ich initiativ akquiriert. Und ich nutze in hohem Maße die Möglichkeiten meiner Web-Präsenz sowie virtuelle und physische Netzwerke.

Den Kunden ist der Bekanntheitsgrad eines Coachs ziemlich egal. Nur 3% achten darauf, wohingegen 23% der Coachs glauben, damit punkten zu können.

Auch das ein interessanter Befund in unserer persönlichkeitsgetriebenen Branche. Gerade ist ja viel vom “Human Branding” die Rede, davon, dass ein Coach eine Marke sein muss. Ist anscheinend nicht viel wert, wenn man der Kundenbefragung glaubt. Daher sollten Coaches lieber in eine vertrauensvolle, professionelle Kundenbeziehung investieren anstatt in einen Wettstreit a la “Wer hat die schönsten Federn im Hühnerstall”.

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Kategorie: Coaching, Weiterbildung | Trackback-URL

5 Kommentare


  1. Hallo Herr Väth,
    interessante Studie, die Sie da ausgegraben haben. Zu den Punkten:
    1. Ich könnte vom Coaching allein auch nicht leben. Wundert mich auch manchmal, dass da nicht mehr kommt, zumal ich ja im Netz sehr präsent bin. Lebe vor allem von meinen Persönlichkeitsseminaren und der therapeutischen Praxis.
    2. Auch zu mir kommen fast alle über Empfehlungen. Davon 90% über das Internet, der Rest persönliche Empfehlungen.
    3. Natürlich spielt das Erstgespräch die Hauptrolle, wo der Coachee prüft, ob der Coach kompetent und vertrauenswürdig ist.
    Aber ich glaube schon, dass Bekanntheit eine Rolle spielt. Fast alle der Interessenten, die zu mir kommen, haben sich über mich im Internet erkundigt (Blog, Website, Youtube).
    Das gibt vielleicht nicht den Ausschlag aber ich glaube, der Beziehungsaufbau beginnt so schon ganz früh und das ist immer ein Vorteil zu einer Situation, wo man schon nach 5 Minuten Gespräch merkt, dass die Chemie nicht stimmt.


  2. Coaching macht erst im Team so richtig Spaß. Dazu suche man sich ein paar Partner, mit denen man eine “Nasenspitzenverträglichkeit” hat, schließe sich mit ihnen zusammen, unterstütze sich gegenseitig in der Akquise und im Coachingvollzug – und schon haben ALLE ihr auskommen.


  3. Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    für mich gibt es 2 Arten von “Bekanntheit”:

    1. eine möglichst große Kontaktfläche zum Kunden, Dinge, die Sie auch beschreiben: Präsenz im Netz, Kennenlern-Angebote, Videos etc. Das ist richtig und wichtig – woher sonst sollen die Kunden wissen, dass es uns gibt?

    2. die “personality”- oder “Marken”-Debtte in der Coach-Landschaft. Ich glaube, dass ist so ein Hype, den die Coaches in der Masse nicht mitgehen können, weil sie in der USP-Definition überfordert sind. Dazu habe ich mich auch schon in einem früheren Blog-Artikel geäußert.


  4. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Fokusveränderer, Markus Väth, shonX Deutschland, vortragsredner, Stefan Simon und anderen erwähnt. Stefan Simon sagte: RT @MarkusVaeth: Unbekanntes und Erschreckendes über Coaches http://bit.ly/dCZC1r [...]


  5. [...] ich selbst durchaus schonmal mit meiner eigenen Coaching-Zunft hart ins Gericht gehe. Auch zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingunen von Coaching als Broterwerb habe ich mich bereits früher geäußert. Ein bisschen Selbstkritik hat noch keiner [...]

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