Testen Sie Ihren Perfektionismus!

18.03.2010

Perfektionismus in Maßen ist normal. Schon immer wollten Menschen die Dinge “richtig” erledigen, sich vervollkommnen. Die USA drücken das im “höher, schneller, weiter” aus; der Volksmund kennt “Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, mach es selbst.”

In den letzten drei, vier Jahrzehnten scheinen wir allerdings, was den Perfektionismus am Arbeitsplatz angeht, etwas über die Stränge zu schlagen. Hierfür gibt es mehrere Gründe:

  • Die westliche Gesellschaft war schon immer eine “Arbeitsgesellschaft”. Arbeit ist ein normaler, ja notwendiger Bestandteil unseres Lebens und der gesellschaftlichen Grunddynamik “Geld gegen Leistung” (im Gegensatz beispielsweise zu den australischen Aboriginies, die ursprünglich das Konzept von “Arbeit” im Sinne von arbeiten müssen nicht kennen).
  • Menschen, vor allem Männer, ziehen einen erheblichen Teil ihres Selbstwerts aus ihrer Arbeitsleistung.
  • Der ökonomische Druck und eine tendenziöse Berichterstattung in den Medien schüren die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.
  • Kinder werden von ihren Eltern aus falschem Ehrgeiz oder erzieherischem Ungeschick zu “Perfektionismus-Maschinen” geprägt – etwas, das mir in meiner Praxis immer wieder begegnet. Als “Lösungsstrategie” bleibt das natürlich auch im Arbeitsleben erhalten.

Wie können nun Sie persönlich herausfinden, ob Ihr Perfektionismus bereits bedrohliche Ausmaße annimmt?

  1. Stellen Sie sich eine typische Arbeitsaufgabe aus Ihrem Berufsalltag vor und malen Sie sich aus, wie Sie sie zu 100% erfolgreich lösen. Stellen Sie sich weiter vor, was das für Sie bedeutet: Wie fühlen Sie sich dabei? Was denken Sie? Wie reagieren Ihre Kollegen? Wie lange wirkt die Befriedigung nach? Schreiben Sie Ihre Gedanken, Gefühle und Assoziationen auf.
  2. Nun nehmen Sie dieselbe Aufgabe und stellen sich vor, Sie lösen sie nur zu 80%. Nehmen Sie sich Zeit, um in dieses Bild hineinzuschlüpfen. Wo müssten Sie Abstriche machen? Was verändert sich? Werden Sie unruhig? Wie würden Sie spontan den Satz beenden “Wenn ich diese Aufgabe nur zu 80% löse, dann…” Schreiben Sie auch hier Ihre Gedanken, Gefühle und Assoziationen auf.
  3. Sprechen Sie, wenn möglich, mit Ihrem Partner über Ihre Einschätzungen. Wäre er oder sie eher ein 100% – oder ein 80% – Typ?
  4. Was müsste passieren, dass Sie auch mit einem 80% – Ergebnis zufrieden sind? Suchen Sie hier nicht nur in Ihrer Umgebung (“Was sollte meine Umgebung anders machen”), sondern auch bei sich selbst (“Welche Gedanken und Einstellungen sollte ich verändern”).
  5. Machen Sie mit diesen neuen Erkenntnissen einen 80%-”Testlauf” und probieren Sie aus, wie sich das “live” am Arbeitsplatz anfühlt.

Dieser “Test” ist kein klassischer Persönlichkeitstest mit Fragen zum Ankreuzen. Er zielt tiefer, auf Ihre “Achtsamkeit”: in sich hineinhören, was bei bestimmten Dingen mit mir passiert. Achtsamkeit schärft die Sinne und die Eigenwahrnehmung.

Warum ziehe ich gerade die 80%-Grenze? Dies geschieht in Anlehnung an das Pareto-Prinzip. Auf unseren Fall übertragen besagt es, dass Sie in der Regel im Bereich zwischen 80% und 100% nur kleine Fortschritter mit großer Anstrengung erzielen. Sie geben viel Energie und erreichen eher kleine Resultate.

Natürlich gibt es Arbeiten, bei denen Sie 100% geben müssen: Fluglotsen zum Beispiel müssen ständig hochkonzentriert sein. Oder Minenräumer. Hier kann Nachlässigkeit tödlich enden. Doch in unserem normalen Büroalltag als Sekretärin oder Marketing-Mensch stehen wir für gewöhnlich nicht vor solch lebensbedrohlichen Situationen. Wir machen sie nur zu lebensbedrohichen Situationen, indem wir den Perfektionismus zum lebenserhaltenden Prinzip erheben – der mögliche Anfang eines Burnout. Und nicht vergessen: Was für uns 80% sind, ist für manch anderen ein 100%-Top-Ergebnis. Alles auch eine Frage der Perspektive.

Wenn Sie durch das obige Beispiel gehen und mit einigem Abstand Ihre Gedanken und Gefühle studieren, kann Ihnen das wertvolle Hinweise geben, welcher “kleine Mann im Ohr” Ihren Perfektionismus födert. Erst wenn Sie ihn kennen, können Sie ihn besser steuern. Ihm sagen, dass er auch mal die Klappe halten kann. Und ihn natürlich in Situationen bewusst aktivieren, in denen tatsächlich 100% Ergebnis gefordert sind.

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