Mensch & Chance • Das Blog

 Alltagsnotizen eines Psychologen



T-Online verhilft zur Selbsterkenntnis

09.10.2008

Ich bin Psychologe. Und als solcher natürlich süchtig nach Persönlichkeitstests (siehe dieses Posting). Genau wie ich alle anderen Arten von Klischees erfülle: Ich schlafe mit einem Rorschach-Test unter dem Kopfkissen, mein Hund heißt Sigmund, und ich kriege dieses nervöse Augenzucken einfach nicht mehr weg. Was soll’s.

Was mich aber wirklich krank macht, ist, wenn Medien versuchen, psychologische Weisheiten “light” unters Volk zu bringen. Aktuell tut sich hier T-Online in der Abteilung “Lifestyle” unrühmlich hervor. Hier geht man mit einem “Jammerlappen”-Test an den Start. Wie von einem Qualitätsorgan erster Kajüte nicht anders zu erwarten, ist bereits der Einleitungstext knallhart recherchiert und aus dem Leben gegriffen:

Im Hals kratzt es, der Chef tyrannisiert Sie und und das Essen in der Kantine schmeckt wie frisch vergiftet. Wie können Sie mit den Widrigkeiten des Alltags umgehen? Stecken Sie alles locker weg oder nehmen Sie sich alles zu Herzen? In unserem Test können Sie herausfinden, ob Sie ein hart im Nehmen sind oder ein Jammerlappen.

Natürlich habe ich den Test gemacht, Ergebnis: 17 von 30 Punkten. Zitat Testergebnis:

Glückwunsch, Sie scheinen ja alles richtig zu machen: kein Jammerlappen und trotzdem weder cholerisch noch gefühllos. Das geht runter wie Öl und alle werden Sie dafür lieben. Und falls es Ihnen doch mal zu langweilig wird, tun Sie etwas, das keiner von Ihnen erwartet hätte. Erdbeeren mit Senf essen zum Beispiel.

Erdbeeren mit Senf? Geht’s noch? Und erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Obwohl auf der Startseite ein Jammerlappen-Mann abgebildet war (let’s talk this straight, okay?), haben sich hier Frauen Fragen für einen Männer-Test ausgedacht. Klicken Sie sich durch, dann merken Sie’s. Da geht’s um Zwiebeln schneiden oder weinen, weil keiner zur Party gekommen ist. Erdbeeren mit Senf?

Immerhin sind die Werbelinks artig platziert. Natürlich für Abnehmen, Astrologie und die anderen üblichen Verdächtigen. Mann, wenn mein Glücksbärchi nicht Uranus im Aszendenten hätte, wäre ich jetzt aber sowas von sauer!

Artikel, die Sie interessieren könnten

  1. Das Eldorado für Test-Süchtige
  2. Veranstaltungskalender 2011 online
  3. Nervtötende Online-Bewerbungen

flattr this!

Kategorie: Psychologie im Alltag | Trackback-URL

2 Kommentare


  1. Spannend, wenn die persönliche Handschrift eines Testentwicklers durchkommt. Und in diesem Fall dürften Sie sogar Recht haben mit der Vermutung “Frau”. Allerdings fällt mir (auch Frau) bei den meisten Persönlichkeits-Test auf, dass Sie nur die Spitze des Eisbergs abfragen und erfassen können. Sie sind fragebogengestützt , und erfassen so nur den bewusst zugänglichen Bereich unserer mentalen Welt. Das sehe ich als eine gewaltige Einschränkung bei der Erfassbarkeit des Menschen als großes Ganzes. Das große Ganze ist für mich der ganze Eisberg, einschließlich des nicht sichtbaren und daher auch nicht abfragbaren Bereichs, der unter der Wasserlinie immerhin noch 6/7tel des Ganzen ausmacht.


  2. Ich stimme Ihnen zu, dass das Absolvieren eines Persönlichkeitstests schwerlich die unbewussten Ebenen eines Menschen erreicht. Dennoch haben psychologische Forscher zu allen Zeiten versucht, übergreifende Verhaltensmuster bzw. “traits” aus den Antworten herauszulesen. Die wohl berühmtesten Beispiele sind hierfür sind der 16PF von Cattell oder die “Big Five” von Costa & McRae.

    Man könnte auch sagen: Intuition wurde durch Statistik ersetzt – typisch für die Konzentration auf wissenschaftliche Methodik in der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Momentan erleben wir, denke ich, ein Zurückschwingen dieses Pendels. Die 6/7 des Eisbergs unter der Wasseroberfläche werden in den nächsten 10, 20 Jahren sicher immer wichtiger werden.

Kommentar schreiben