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 Alltagsnotizen eines Psychologen



SPIEGEL und ZDF nähren Angst vor der Selbständigkeit

06.01.2010

Gestern auf SPIEGEL Online: Allein unter Pleitegeiern, eine ZDF-Doku über “Bankrotteure” (hübsches Wort, ich stelle mir da immer Kaliber a la Jürgen Schneider vor, seid umschlungen, Millionen, sowas in der Art).

Der SPIEGEL-Mann Daniel Haas lobte die Reportage in seiner Kolumne als “exzellenten Balanceakt zwischen existentieller Havarie und Selbstbehauptung, wirtschaftlichem Versagen und persönlicher Ermächtigung”. Super, dachte ich mir, ZDF, Qualität, die Serie 37° auch nicht schlecht, schauste mal rein.

Leider wurde ich herb enttäuscht. Die unterschwellige Botschaft der Sendung war schnell klar: Mach dich nicht selbständig! Bloß nicht! Du endest in Schulden und zerbrochenen Lebensträumen. Das wurde jedoch nicht offensiv so verkauft, sondern unter dem Reportage-Titel “Verdammte Fehlentscheidung!” subsummiert und dann nie offen angesprochen.

Was mich geärgert hat: Die drei Beispiele waren für eine Selbständigkeit meiner Meinung nach überhaupt nicht repräsentativ:

  • ein Ex-Handwerker, der sich zunächst mit einem Fitness-Studio ruiniert, 400.000 EUR Schulden hat und jetzt als Musiker bzw. “Schmalspur-Sinatra” (SPIEGEL) durch die Lande tingelt (im Interview lässt er jeden Realitätssinn vermissen),
  • eine Akademikerin, die sich nach eigener Aussage in ihr Selbständigen-Abenteuer mit einem Tabakladen hineingestürzt hat, ohne groß nachzudenken und
  • eine Hausfrau mit drei Kindern, die mit 50.000 EUR Schulden und einem Küchenstudio Pleite gegangen ist. Nun ist sie fertig mit der Privatinsolvenz und will wieder selbständig sein, mit einem Cafe. Diese Dame hat von allen drei noch das größte Sympathiepotenzial, sie wirkt tough und hat Biss, leider eben wenig Ahnung vom Geschäft und einen Dreckskerl von Mann, der sie mitten in der Misere sitzenlässt.

Das zeichnet alle drei Menschen aus:

  • Sie haben mit ihrer Selbständigkeit völlig die Branche gewechselt, ohne Vorkenntnisse oder Plan.
  • Anscheinend war niemand in ihrer Umgebung, der fachlich (Steuerberater) oder persönlich mal “Halt” geschrien hätte.

Das Problem an der Reportage ist wie gesagt die unterschwellige Botschaft: Selbständigkeit führt zwangsläufig in den Ruin und zu Hartz 4. Im Umkehrschluss: Bleibt Arbeitnehmer! Wagt nichts! Geht kein Risiko ein! Sonst gibt’s Armut, Bohlen und den Tod auf Socken!

Ich bin auch selbständig und habe auch mehrere Kurven in meiner Biographie hinter mir.  Daher bin ich grundsätzlich offen für neue Wege – die auch meine Klienten ja teilweise gehen. Doch das Scheitern dieser Wege pauschal als Konsequenz der Selbständigkeit darzustellen, noch dazu mit dem Titel “Verdammte Fehlentscheidung!”, ist fast fahrlässig.

Es braucht IMMER einen Grundstock an Erfahrung, Ausbildung, Finanzen und nicht zuletzt eine durchdachte Geschäftsidee, bevor man sich selbständig macht. Dann kann es gelingen und zu einem befriedigenden Berufsleben führen. Das Mindeste wäre jetzt eine Gegenreportage unter dem Titel “Durchgestartet: Vom Lohn des Mutes!”

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1 Kommentar


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