So finden Sie Ihre wahren Talente

Ich coache immer wieder Menschen, die sich und Ihren Beruf in Frage stellen. Entweder weil sie Ihre generelle Ausrichtung bezweifeln und sich neu aufstellen wollen. Oder weil sie sich einfach im Bewerbungsgespräch beser präsentieren möchten. “Mache ich überhaupt das, was mir entspricht?” “Was ist überhaupt mein Alleinstellungsmerkmal?” “Was sind meine wahren Stärken und wie kann ich sie kommunizieren?” So oder ähnlich klingen die Sorgen, die wir im Gespräch diskutieren.

Das “wahre Talent” hat viele Namen: “Unique Selling Proposition”, Berufung, Talent oder auch “Genius”. Sein ureigenes Talent oder Genius zu finden ist eine Lebensaufgabe und nichts, das man in ein, zwei Stunden am Reißbrett zimmert. Seit der Mensch Religion und Philosophie entdeckt hat (also seit wirklich langer Zeit), ist er auf der Suche nach der Erkenntnis seiner selbst. Das klingt vielleicht abgehoben, aber ein Teil dieses Selbst muss im Bewerbungsgespräch kommuniziert werden, damit der Mensch hinter dem Bewerber sichtbar wird.

Herrje, eine Lebensaufgabe? Ich habe doch schon genug zu tun, und jetzt soll ich auch noch mein Ur-Talent suchen? Das, was mir im Leben Sinn verleiht? Wie mache ich das überhaupt?

Gute Frage. Der “Genius” offenbart sich den allermeisten Menschen nicht so offensichtlich wie bei – sagen wir mal – Michael Jackson. Der hatte bereits in der Kindheit seinen künstlerischen Durchbruch. Nein, wir Durchschnittsmenschen müssen wie bei einem Krimi Indizien sichten, Hinweise, die uns unseren “wahren Willen” (Michael Ende) zeigen. Dann setzen wir das Puzzle zusammen. Hier sind einige wichtige Indizien, die Sie auf die Spur Ihres wahren Talents bringen:

1. Bei welcher Tätigkeit empfinden Sie Glück?
Es gibt Dinge, bei denen wir die Zeit vergessen. Wir sind ganz bei uns selbst und “fließen” in der Aufgabe. Psychologen nennen das tatsächlich den “flow”. Die Anforderung passt so gut zum Menschen, dass er “selbstvergessenen Spaß” dabei hat, nicht über- oder unterfordert ist und von Zufriedenhiet erfüllt ist. Bei mir ist das zum Beispiel beim Singen so. Da gehe ich ganz darin auf. Ich habe auch in mehreren Kneipen gearbeitet, da war das Multitasking hinter der Bar auch “beglückend” für mich, da ich schnell Dinge verarbeite und gefordert sein will.

2. Welche Aufgaben tragen andere Menschen an Sie heran?

Werden Sie immer wieder nach denselben Gefallen gefragt? Weil Menschen überzeugt sind, dass Sie das wuppen? Egal, ob es um Algebra, Bäume fällen oder die Steuererklärung geht? Nehmen Sie auch das als wichtiges Indiz: Dinge, bei denen andere Menschen Sie als kompetent wahrnehmen.

3. Was würden Sie arbeiten, wenn Sie finanziell unabhängig wären?

Die klassische “Wunderfrage”. Nehmen Sie sich Zeit und diskutieren Sie auch mit Ihrem Partner. Lassen Sie sich nicht gleich vom “inneren Kritiker” blocken, der sofort hinter dem Ofen hervorkommt mit Sprüchen wie: “Träume sind Schäume” oder “Du bist sowieso schon zu alt”. Kennen Sie Hilde Domin? Eine der bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart: Sie hat erst mit 65 Jahren das Schreiben begonnen.

4. Wie und warum haben Sie Ihre Ausbildung und Ihren Beruf gewählt?
Gehen Sie in Gedanken nochmal zurück zu Ihrer Ausbildung: War es eine Verlegenheitswahl? Oder bereits eine starke Sehnsucht nach dem Fach, eine Überzeugung? Oder haben gar nicht Sie über Ihren Beruf entschieden, sondern vielleicht die Eltern? Prüfen Sie sich. Manche Menschen können sich so eingestehen, dass bereits dort, in jungen Jahren, ihr Berufsleben in eine falsche Bahn lief.

5. Welches familiäre “Erbe” treten Sie an?
Kommen Sie aus einer Familie von Steuerberatern und wollten aber schon immer Künstler werden? Oder haben Sie eine “Verpflichtung” übernommen, den Erfolg für die “gescheiterten” Eltern zu einem Ende zu bringen, mit einem Beruf, der zwar Geld bringt, Sie aber unglücklich macht? Oder andersherum: Sind Sie mit Anfang 20 einfach in die entgegengesetzte Richtung marschiert, in die Ihre Eltern Sie schicken wollten und rebellieren nach 15 Jahren immer noch erfolgreich? Gerade in der familiären Dynamik gibt es oft “verdeckte Aufträge” und “Erbschaften”, die uns gar nicht bewusst sind. Sie können ein Leben lang unser Handeln steuern und unsere wahren Talente verbergen.

6. Was waren Ihre Erfolge? Worauf sind Sie stolz?
Erfolge können auch ganz klein sein und gar nichts mit Ihrem Beruf zu tun haben. Ich beispielsweise habe einmal auf einer CD mitgemacht, als Sänger und Saxophonist. Eine kleine CD für eine unbekannte Band. Aber ich habe sie immer noch im Schrank, weil das eines der Dinge war, auf die ich wirklich stolz bin im Leben. Daher: Suchen Sie Ihr Leben nach Erfolgen ab, die Ihre eigenen Maßstäbe erfüllen.

7. Was waren Misserfolge? Woran sind Sie “gescheitert”?
Auch Misserfolge erzählen uns viel über die Grenzen unseres Könnens und sollten daher als Indiz untersucht werden. Es ist ein bisschen paradox: Obwohl sich viele Menschen fast ausschließlich mit ihren Fehlern und Schwächen beschäftigen, scheuen sie eine echte Analyse der (beruflichen) Misserfolge. Aber solange keine systematische Analyse dahintersteckt, bleibt das alltägliche “Daran-herumdenken” oft nur ein Ritual der Selbstqual.

8. Was sind Interessen und Fähigkeiten, über die Sie mit anderen Menschen einig sind?
Vergleichen Sie Ihre Gedanken zu Interessen und Fähigkeiten mit denen von anderen Menschen über Sie. Abgleich von Selbst- und Fremdbild nennt man das. Fragen Sie Ihren Partner, Ihre Freunde. So kommt man zu einer realistischeren Einschätzung seiner selbst.

Jetzt sind Sie dran: Leben SIE Ihre wahren Stärken? Wie haben Sie sie gefunden?

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Datum: 08.07.2009 | Trackback-URL  | Artikel als PDF

1 Kommentar

  1. Erstmal vielen Dank für den Beitrag. Der ist sehr informativ und strahlt viel Kompetenz aus.
    Ich habe meine persönlichen Talente entdeck, nur manchmal fehlt es mir an Disziplin sie auch einzusetzen. :-)

    Viele Grüße aus Hamburg

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