Ritalin – die kleine Pille für zwischendurch

Morgens, halb zehn in Deutschland. Immer mehr Führungskräfte nehmen leistungssteigernde Drogen wie Ritalin oder Modafinil. Das berichtet Spiegel Online. Und weil gerade Tabletten klein, “clean” und unauffällig sind, werden sie immer mehr zum Dopingmittel Nr. 1 unter Deutschlands Managern. Ist ja keine Spritze wie bei den Verlierern. Und man hat schließlich auch keine tiefen Augen und Nasenentzündung wie ein überdrehter Kokser. Ist auch irgendwie hip, so eine kleine Pille. Swuush, und schon ist man wieder fit: für die nächsten 24 Stunden, die nächste anstrengende Geschäftsreise. Für die ganz normale Hölle, zu der das Arbeitsleben für manche Manager geworden ist.

Und nicht nur für diese. 60% der Deutschen würden laut dem Spiegel-Artikel leistungssteigernde Drogen nehmen, wenn sie keine Nebenwirkungen befürchten müssen. Tabletten und Alkohol: Das ist die unheilige Allianz der Business-Neuzeit aus “upper” und “downer”. “Up”, um sich hochzuputschen und “down”, um wieder ‘runterzukommen. Wie konnte es soweit kommen?

  1. Der psychische Stress nimmt zu. Manager verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Führen und Entscheiden. Beides sind komplexe und verantwortliche Tätigkeiten, die die ganze Person erfordern. Je nach Unternehmenskultur kann da ein Fehler schon das Aus bedeuten. Depressionen und Ärger in der Familie können die Folge sein, wenn sich der Stress ein Ventil sucht.
  2. Hinzu kommen extreme körperliche Belastungen: weite oder häufige Dienstreisen, fehlender Schlaf, Jetlag, Fastfood-Fraß, keine Bewegung. Der Arbeitsalltag wir zum Top-Alterungsbeschleuniger.
  3. Perfektionismus ist die am weitesten verbreitete “Geisteskrankheit” der Geschäftswelt. Weil sie insgeheim gewollt ist. Das Unternehmen bekommt frei Haus Menschen, die sich selbst ausbeuten. Und die Betroffenen können nicht damit aufhören, selbst wenn sie es wollten, denn hinter dem Perfektionismus verstecken sich oft tiefliegende Motive und Ängste, die man nicht so einfach abstellen kann: die Angst vor Ablehnung; die Angst, zu versagen; das Bedürfnis, Liebe gegen Leistung einzutauschen (so wie man es vielleicht in der Familie gelernt hat); erlernte Überzeugungen (“Wenn ich nicht perfekt bin, verliere ich meine Arbeit. Wenn ich meine Arbeit verliere, habe ich kein Geld und muss verhungern. Dann sterbe ich.”).
  4. Blindheit für die eigenen Erfolge ist die Kehrseite des Perfektionismus. Kulturell auf unsere Fehler geeicht, die uns schon in der Schule wieder und wieder unter die Nase gerieben wurden, haben wir verlernt, uns auch mal selbst auf die Schulter zu klopfen. Denn “Eigenlob stinkt”, nicht wahr? Dann lieber in Sorgen versinken, weil man glaubt, etwas schon wieder nicht gut genug gemacht zu haben. Wenn ich coache, sage ich oft: “Das ist okay so, da gibt es kein Richtig oder Falsch”. Dann sind die meisten erst irritiert und dann erleichtert. Endlich kein Richter, der mich beurteilt und mich unter Druck setzt!
  5. Die Gleichung Arbeit = Leben geht nicht auf. Leben ist Balance zwischen mehreren Bereichen: Arbeit, Familie, Gesundheit, Spiritualität, Finanzen, Soziales Umfeld. Besonders Männer laufen gern in die Falle, sich ausschließlich über den Job zu definieren, dem schließlich alles geopfert wird: Ehe, Gesundheit, soziale Bindungen. Da wird dann eben auch mit Chemie nachgeholfen, um der Leistungshengst Numero Uno zu sein.

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Datum: 12.02.2010 | Trackback-URL  | Artikel als PDF

1 Kommentar

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