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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Heute schon Arbeitsplätze vernichtet?

21.12.2007

Lesen Sie auch Zeitung? Fällt Ihnen was auf? Die Sprache hat sich radikalisiert.

Gehen Sie Ihre Lieblingszeitung oder -zeitschrift einmal durch und achten Sie auf Wörter wie “Arbeitplatzvernichtung”, “Machtposition”, “Arbeitskampf”, “verhärtete Fronten”, “Ultimatum” etc.

Vor allem in Zitaten von Politikern und Wirtschaftslenkern finden sich immer wieder solch martialische Phrasen. Das wäre doch nicht so schlimm. Meint meine Tante Hilda. Für sie vielleicht nicht. Für mich ist diese Wortwahl besorgniserregend und kein Zufall mehr.

Bereits Erich Fromm wusste, dass wir zur Freiheit, Gedanken auszusprechen, eben auch die Fähigkeit brauchen, diese zu formulieren. Das heutige Denken und Reden radikalisiert sich, nähert sich einem polarisierenden Schwarz-Weiß-Schema. Fronten, Ultimaten, Kämpfe bestimmen das Feld der Begriffe. Das schafft einerseits klare Verhältnisse, hat jedoch auch Auswirkungen auf meine Weltsicht. Wenn es “ums Ganze” geht und die “Vernichtung” von Arbeitsplätzen auf dem Spiel steht, dann muss ich mich für eine Seite entscheiden. Zwangsläufig hat die andere Seite Unrecht. Man führt keinen partnerschaftlichen Dialog mehr, sondern verhandelt nur noch über feindliche Linien hinweg.

Was transportiert beispielsweise das Wort “Vernichtung”? Wer denkt denn nicht sofort an den “Vernichtsungskrieg” der Nazis? Im Kopf des Lesers entsteht so eine direkte Assoziation von gefährdeten Arbeitsplätzen mit einem monströsen, historisch einmaligen Geschehen. Der Einzelne, so wird gefolgert, verliert hier also nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern wird assoziativ auch einer physischen, schicksalhaften “Vernichtung” ausgesetzt. Diese Art von Assoziation wird in der Medienlandschaft bewusst erzeugt, um unspektakuläre Vorgänge in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur zu dramatisieren.

Doch was geschieht, wenn diese Art von Sprache massenweise eingesetzt wird? Unsere Sprache verroht und verliert die Fähigkeit, zu differenzieren. Argumentatorische Abstufungen in Debatten werden nicht mehr abgebildet. Unser Denken verroht, der Respekt vor unseren Gegnern sinkt. Es etabliert sich eine “Alles oder nichts” – Mentalität. Das vereinfachende dualistische Prinzip ersetzt eine komplexe Weltsicht, in der es sehr wohl auch eine Mitte, eine Grauzone gibt.

Zu Weihnachten heißt es immer: “Friede auf Erden!” Ich sage: “Friede unserer Sprache!”

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