Mehr Wirtschaft in die Politik!
28.06.2010Im aktuellen Manager magazin diskutieren die Autoren Eva und Hendrik Müller die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Lage Deutschlands. Ein langer, kluger Artikel (“Sanierungsfall D.”, S. 94-100), der mir aus dem Herzen spricht. Ein Topmanager wird zitiert mit den Worten: “Die Kanzlerin müsste jetzt wie ein CEO agieren” – eine strategische Linie entwerfen, Prioritäten setzen, Führen auch gegen Widerstand etc.
Diese und ähnliche Vorschläge hat man schon oft gehört und weiß, dass sie nicht funktionieren werden. Die drei Bereiche Wirtschaft, Politik und Bürokratie sind durch drei höchst unterschiedliche Mentalitäten geprägt. Sie sind nicht vereinbar.
Wirtschaftlich Verantwortliche gehen Risiken ein, wenn sie das Unternehmen (im politischen Fall den Standort Deutschland) verändern müssen; sie entwerfen eine Mischung aus Schrumpfen (Kapazität bzw. Belegschaft) und Wachsen (neue Marktsegmente, neue Produkte, Strategieschwenk). Im besten Fall, und den gibt es häufiger als gedacht, stehen am Ende bei Erfolg Wiedereinstellungen. Ich selbst rechne mich zum Typus des wirtschaftlich Verantwortlichen. Ich habe Verantwortung für meine Firma und muss schauen, dass am Ende die Zahlen stimmen und das Essen auf den Tisch kommt. Däumchen drehen kann ich mir nicht leisten.
Politiker dagegen haben oft keine Ahnung von den Fächern, die sie bearbeiten. Wie kann es sonst sein, dass Minister ihre Ressorts wechseln wie die Unterhosen? Das entbehrt jeder Glaubwürdigkeit. Das Heil liegt hier in hoffentlich kompetenten Referatsleitern und endlosen Kommissionen. Politik ist nichts für Macher. Denn am Ende werden Entscheidungen immer verwässert. Politiker sind umfrage- und wahlgetrieben. Das liegt in der Natur der Sache, die gut funktioniert, solange der Staat als Gesamteinheit keine drastischen Korrekturen vornehmen muss. Genau das ist jedoch momentan der Fall.
Bürokraten wiederum haben aufgrund der hohen strukturellen Komponente ihrer Arbeit geradezu panische Angst vor der Übernahme von Verantwortung. Ich erlebe das jedesmal, wenn ich (privat und beruflich) mit Behörden zu tun habe. Der klassische “Sachbearbeiter” (!) verwendet ein Höchstmaß an Energie darauf, keine individuellen Entscheidungen treffen zu müssen. Alles muss strukturell vorgekaut und möglichst von Gesetzen gereget werden. Den in dieser Hinsicht deutlichsten Exzess bildet der deutsche Steuer-Dschungel mit weltweit einmaligen über 40.000 Paragraphen. Das ist versuchte Einzelfall-Gerechtigkeit par excellence.
Im Grunde müsste man Politikern und Bürokraten ein “Anti-Angst”-Coaching verordnen. Denn das bedeutet Verantwortung: Angst überwinden, um echte Entscheidungen für sich und andere zu treffen. Dazu stehen. Das Ding durchziehen. Die Konsequenzen tragen. Für sich, die Abteilung, die Firma, die Behörde, die Partei, das Land. Das ist der “change”, den so viele auf der Zunge tragen und der jedoch ohne mentale Veränderung im eigenen verhuschten Seelenkämmerlein nicht gelingen kann.
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Jahrgang 1975, Diplom-Psychologe mit Hang zur IT, Coach, Autor und hoffnungs- loser Jazz-Fan. Motto: "Es gibt im Leben nur einen richtigen Weg: den eigenen."
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