Machtlosigkeit, oder: Die SPD am Rande des Nervenzusammenbruchs
16.04.2009Heute ist Donnerstag. Donnerstage sind normalerweise gut zu mir und im Grunde meine Lieblingswochentage. Irrational, ich weiß. Aber jeder braucht ein Hobby.
In den Radionachrichten brachten sie es als erste Meldung: “SPD: 300 Euro Bonus statt Steuererklärung“. Beschäftigte sollen unter gewissen Umständen eine Prämie bekommen, wenn sie keine Steuererklärung abgeben. Ich hätte mich beinahe am Kaffee verschluckt und habe spontan gedacht: “Nee, das gibt’s nicht. Wie verzweifelt müssen die sein.” Und dann: “Was soll das? Bevor sie Bürger quasi zum zivilen Ungehorsam aufrufen, sollen sie lieber vernünftige Steuergesetze machen und die ca. 40.000 Steuerparagraphen reduzieren. Und dafür bekommen die auch noch Geld?” Schließlich war ich sauer. Nicht nur auf die SPD, sondern auch auf meine eigene Machtlosigkeit.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr steckt für mich in dieser Geschichte drin. Es passiert ja nicht selten, dass wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden – oder zumindest vor Pläne und Gedanken, mit denen wir absolut nicht einer Meinung sind. Letzten Endes konzentriert es sich in dem Gedanken: “Da passiert etwas, womit ich überhaupt nicht einverstanden bin.” Auf der Arbeit ist das zum Beispiel Alltag.
Die wichtigste Erkenntnis für mich ist, dass ich mich oft in Wahrheit nicht über den anderen ärgere, sondern über meine eigene Unzulänglichkeit. Der andere erinnert mich daran, dass ich sehr wohl gestalten kann und einfach zu faul, zu uninteressiert oder zu gestresst bin, um darin Energie zu investieren. Diese Erkenntnis tut manchmal weh. Die Amerikaner haben das schön trocken formuliert: “Love it, change it or leave it“. Darauf läuft es letztendlich hinaus. Das heißt am konkreten Beispiel:
- Wenn ich nicht will, dass die SPD weiter wie ein kopfloses Huhn herumrennt, muss ich mich entscheiden, ob ich Verantwortung übernehmen und die Dinge ändern will – oder eben nicht: “Love it, change it or leave it.” Alle drei Möglichkeiten sind gleich “gut” und haben ihre Vor- und Nachteile.
- Wenn ich “change” will (mein Gott, Obama ist wirklich überall!), überlege ich, wie ich mich engagieren will: gleich in die SPD eintreten, ans Podium stürmen und “die Institution von innen aufrollen”. Oder eher eine Nummer kleiner: Leserbriefe schreiben, Foren besuchen, Unterschriften sammeln etc. Oder ganz klein: im Freundeskreis diskutieren, warum man das total sch…. findet, was die SPD da macht. Das können Sie ganz frei entscheiden. Sie werden sehen, es gibt mehr Möglichkeiten, als Sie sich zunächst vorstellen können.
- Ihr Engagement konsequent umsetzen und durchhalten. So tun Sie auch ganz nebenbei etwas gegen das Gefühl der Machtlosigkeit. Das nennt man “sich für eine Sache einsetzen” und ist der Kitt, aus dem die Gesellschaft gemacht ist.
Welche Erfahrungen haben Sie mit “love it, change it or leave it”?
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