Kollektiver Erfolgsgeilheitswahn
20.08.2009Fast jeder hat eine Meinung zum Thema “Erfolg”; die meisten wollen ihn haben. Erfolg macht sexy, sagt man.
Was garantiert und mit ziemlicher Sicherheit nicht sexy ist: Platt über Erfolg reden bzw. anderen mit Sprüchen von der Uni-Klowand erzählen wollen, wie man erfolgreich wird. Wenn ich XING, Twitter oder ein anderes Social Web aufschlage, werde ich mit selbstgebastelten Erfolgsmeldungen, -botschaften und aufforderungen geradezu überspült.
- Da beschreibt zum Beispiel eine Dame die “geheime Psychologie des Erfolgs” und vermarktet ihr entsprechendes Buch. Man könne sie gerne dazu kontaktieren, aber jetzt “segle sie erstmal von Darwin nach Bali, Singapur und Malaysia. Danach dann gerne.” Soll heißen: Wer noch nicht kapiert hat, dass ich schön, sexy, erfolgreich bin, merkt es ja spätestestens jetzt, weil ich so nonchalant auf meinen Segeltrip hinweise. Mit der Subtilität eines Elefanten im Porzellanladen. Macht’s gut, ihr Luschen.
- Dasselbe bei Twitter: “Wie Sie mit Xing und Twitter Karriere machen #Selbstmarketing #reputation“, ““Erfolg hat nur, wer etwas tut, während er auf den Erfolg wartet.” Thomas A. Edison“, “Wir zeigen Ihnen Wege zu Ihrem eigenen Erfolg, die wirklich funktionieren!” und ähnliche Sprüche.
Ich habe den Eindruck, inzwischen muss alles und jeder “erfolgreich” sein: Man selber sowieso, das Unternehmen, demnächst auch der Besuch der Katze im eigenen Klosett. Auch bei Coaches und Trainern dreht sich vieles um das Thema Erfolg. Wir knobeln um die richtige “Marktpositionierung”, welches Marketing wir einsetzen, kucken, was der andere macht, und wenn uns alles zuviel wird, trösten wir uns mit der Aussage: “Wenn es das Richtige ist, kommt der Erfolg von allein!” Gaga das eine, gaga das andere.
Was ist, wenn ich gar nicht erfolgreich sein will (jedenfalls nicht nur)? Was ist, wenn ich lieber zufrieden oder einsam oder Pfarrer wäre? Dieses ständige Gefasel von Erfolg macht mich kirre. Erfolg ist die Droge, auf die in unserer ökonomisierten Welt jeder anspringt. Bist du nicht “erfolgreich”, hast du nichts, bist du nichts, und das alles ist deine Schuld. Deswegen wollen manche so verzweifelt erfolgreich sein. Mich beschleicht jedoch das Gefühl, dass auch für die diversen XING-, Twitter-, Newsletter- und andere selbsternannte Gurus gilt: “Hunde, die bellen, beißen nicht.”
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Danke, Sie sprechen mir aus der Seele
Wobei immer noch zu definieren bleibt, was Erfolg tatsächlich ist.
Zur Zeit scheint es bei der Definition immer nur um Geld zu gehen, dabei gibt es ganz andere Erfolge
die das Herz erwärmen.
So z.B. tolle Kinder zu haben, wohlgeraten sind, ihren eigenen Weg selbstbewusst gehen und gern nach Hause kommen.
Einen besseren Erfolg als den kann ich mir nicht vorstellen.
Jeder Mensch will erfolgreich sein und – selbstverständlich – ist Erfolg für jeden etwas anderes, eigenes. Weder muss man Millionär werden noch Chef. Das Schlimmste wäre, man würde das obwohl man es nicht will. Solche Erfolgszombies gibt es viel zu viele.
Herzliche Grüße
Stefan Blohm
erstmal “standing ovations” – es ist unglaublich erholsam, mal nicht über schneller, höher, besser, am bestestenten zu lesen.
das wort “erfolg” ist zu einer leeren hülse degeneriert, wie viele andere begriffe auch.
man vegisst gerne, dass “erfolg” – wie martina schon schreibt – viele facetten haben kann und sich gottlob nicht in flaschen abfüllen lässt.
erfolg bedeutet ursprünglich “das erreichen eines zieles” und wenn ich es heute schaffe bei der hitze meine wäsche aufzuhängen, dann gehe ich am abend als erfolgreiche frau schlafen.
merci für den artikel,
etelka
Was bedeutet jedem Einzelnen “Erfolg” zu haben? Für den einen wird es die berufliche Karriere sein, jemand anderes denkt an Familienglück, usw., da gibt es sicher ein breites Spektrum. Ich gönne jedem seinen Erfolg. Nur was passiert, wenn wir das erreicht haben, was wir wollten? Sind wir damit zufrieden oder halten wir Ausschau nach neuen Gelegenheiten, um zu beweisen, wie erfolgreich wir sein können? Setzen wir uns der Leichtigkeit eines Spiels aus oder sind wir vom Erfolg regelrecht besessen? Solange uns der Erfolg nicht aufzehrt, ist alles im grünen Bereich.
Bei den “Erfolgsversprechern”, die ihr persönliches Konzept anderen gegen Geld anbieten, habe ich manchmal das Gefühl, sie laufen ihrem persönlichen Erfolg noch hinterher. Warum soll ich mir deren Konzept zu eigen machen?
Es ist wirklich schwierig, Erfolg generell zu definieren. das heißt, der Einzelne ist gefragt, was für ihn persönlich Erfolg ist. Eben auch tolle Kinder großzuziehen oder vielleicht nur aus dem Bett aufzustehen nach einer langen Krankheit.
Für mich sind zwei Fragen entscheidend. Einmal, wie Herr Blohm schon anspricht: Hat der Erfolg überhaupt mit mir, meinem Weg und Willen zu tun? Gehört er zu mir oder wird es mir von anderen vorgeplappert, welche Art von Erfolg – meistens Geld und Karriere – ich erreichen soll? Habe ich den Mut, Erfolg auch dort zu erzielen und zu proklamieren, wo ihn andere nicht sehen, weil er für sie nicht offensichtlich ist oder nicht in ihr Weltbild passt? Und zum zweiten, ob ich mich in ein “Erfolg zählt alles” – Verhalten versteige und den Blick verenge auf das ausschließliche Streben nach “Erfolg”.
Punkt 1 brauchen wir, damit Erfolg zum Baustein unseres Glücks wird. Punkt 2, damit wir dieses Glück in Maßen genießen können, ohne uns zu verzehren.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir erkennen, welche Art von Erfolg uns glücklich macht und die Klugheit, diesen Erfolg ausgewogen zu leben.
@HeulenderWolf
Das mit den “Erfolgsversprechern” sehe ich genauso. Für mich hört sich das immer nach der Suche nach dem schnellen Dollar an. Das ist wie bei einer Bonanza: Während die Leute schon losrennen, um ihren Claim abzustecken, schreien manche Verkäufer halt, dass ihre Schaufeln die garantiert besten seien. Dabei kommt es gar nicht auf die Schaufel an, sondern auf den richtigen Platz zum Graben.
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