Journalisten verstehen immer noch nichts von Coaching

3sat bringt einen kritischen Bericht über Coaching. Damit habe ich grundsätzlich kein Problem; jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Allerdings stört mich enorm die verkürzte Darstellung von Coaching als Maßnahme zur Zweckerfüllung des Einzelnen in der ökonomischen Leistungsgesellschaft. Das ist, als würde ich einen Bericht über Autos machen und nur über Skoda schreiben. Die generalistische Unterstellung, der Szene unterliege ein “neoliberales Menschenbild”, finde ich das Letzte.

Ein Großteil des Materials für den Fernsehbericht stammt von der Coaching Convention 2009 in Köln. Ich  war selbst dort und habe über dieses Event durchaus kritisch berichtet. Die Macher des 3sat-Beitrags jedoch reißen Dinge aus dem Zusammenhang und montieren diese als “Beweise” für eine ökonomistisch-oberflächliche Geisteshaltung.

Wenn beispielsweise Alexander Faßbender im Interview sagt, dass es im Coaching um das Anstoßen von “Lösungen” geht und nicht um die Analyse von “Problemen”, so stehen für einen Coach folgende Dinge dahinter:

  • der systemische Ansatz, der nicht nach “Ursachen” im Sinne von “Schuld” bzw. “Schuldigen” sucht. Schon das bedeutet einen Perspektivenwechsel für den Klienten.
  • eine Entlastung des Klienten, der oft schon viel zuviel in “Problem”-Kategorien denkt und nichts weniger braucht als ein erneutes Stochern in der Wunde.

All das wird von 3sat mit “Oberflächlichkeit” und neoliberal gefärbtem Leistungsdenken gleichgesetzt. Man vermisst eine “Problemanalyse”. Diese Problemanalyse gibt es durchaus und ist von manchen Klienten durchaus gewünscht. Ich selbst mache ja Coachings zu Lebensthemen, Krisen etc. Da kommen sie an der Betrachtung der Vergangenheit und tieferer Schichten gar nicht vorbei. Aber der Klient muss das wollen. Ich analysiere nicht, wenn es nicht zum Auftrag gehört. Und hier setzt der Analyse-Reflex der Beitragsmacher ein, der heißt: Wenn ich mich nicht mit dem Problem befasse, nutzt das Ganze nichts. Genau diese Haltung verrät, dass kein Wissen über die Mechanismen eines Coaching-Prozesses vorhanden ist. Und bitte: Ich kenne Herrn Faßbender persönlich und das Letzte, was man ihm unterstellen kann, ist ein neoliberales Menschen- oder Weltbild.

Die Convention war teilweise eine Selbstdarstellungsshow, und das sollte sie auch sein. Ein Marketing-Event für die Coaching-Branche, bei der auch Seichtes und Marktschreierisches im Spiel war. Und genau diese Teile schnappt 3sat auf und verkauft es als Grundhaltung einer ganzen Branche. Leider ist die Wahrheit differenzierter; nur hat man nicht sorgfältig genug recherchiert oder wollte das einfach nicht.  Lieber einen Aufreger produzieren als intellektuelles Gequatsche, nicht wahr? Zweiteres ist eben medial langweiliger, dafür differenzierter.

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Datum: 29.05.2009 | Trackback-URL  | Artikel als PDF

1 Kommentar

  1. so hier nun auch etwas.

    Der Beitrag ist was Coaching anbelangt rein Manipulativ und doch zeigt der Beitrag eine enorme Spannweite von Coaching. Obwohl die Redakteurin den ganzen Tag vor Ort war, ist diese Art von Beitrag heraus gekommen. Das ist echt Schade.

    Der Soziologe hat eine sehr schöne Beschreibung, dessen abgegeben, was Coaching ist und wo es her kommt und was es bewirkt. Ich selber habe eine wie ich finde gute Beschreibung abgegeben was Coaching auch ausmacht.
    Leider kamen keine Frauen zu Wort, was natürlich sehr einseitig alles darstellen lässt. Aber auch das schien sehr gewollt zu sein.

    Leider stürzten sich viele andere gleich auf den Artikel und nahmen natürlich nur den Teil heraus, der ihnen passte um eben nicht nur Coaching mies zu machen, sondern auch die CC. Wir sind kein Branchenevent war es nie und wollen es auch nicht sein.

    Das Problem ist auch nicht, das es Coaching gibt, sondern dass Ding, dass Coaching einfach gebraucht wird – ob die Autorin dieses nun will oder nicht. Die Frage bleibt auch zu welchem Preis. Die Frage bleibt in welcher Qualität und wer sichert dieses. Bestimmt nicht der Managemenberater der als Coach angekündigt wurde. Und das Coaching Grenzen hat, dass wissen alle die Coachings durchführen.

    Was bleibt ist, dass über Coaching berichtet wurde. – Gut so
    Was bleibt ist die Menschen haben eine Spannweite gesehen, von bis. – Gut so
    Was bleibt sind Erinnerungen, das Coaching was bewirkt und lustig sein kann: – Gut so
    Was bleibt, dass Coaching ein Phänomen unserer Zeit ist. – Gut so
    Was bleibt; ein Beitrag zum Thema Coaching, der CC auf 3 Sat in der Kulturzeit. – Gut so

    Auch hier gilt, besser , dass darüber gesprochen werden – wie wenn alle schweigen.

    Beste Grüße :-) Alexander Maria Faßbender

    http://www.coaching-convention.de

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