Hoffentlich sind wir alle Versager
22.02.2010Ich hab’ mal was versemmelt. Es war wichtig, für mich und für andere. Und ich hab’ abgekackt. Ich kann mich auch noch gut an den Moment erinnern, in dem ich mein Versagen realisiert habe. Mein Magen zog sich zusammen, meine Wahrnehmung wurde nach innen gezogen wie in ein Schwarzes Loch, ein dumpfes Gefühl und die gedachten Worte: “Vorbei, alles aus.” Dann nur noch Leere.
Menschen versagen. Jeden Tag. Und sie leiden darunter, aber anders als – sagen wir mal – bei einem Beinbruch. Denn der Beinbruch kann unverschuldet sein: ein Fahrradunfall, ein Ausrutschen auf dem eisigen Gehsteig etc. Wenn wir im Privatleben oder in der Karriere versagen, haben wir diesen Blitzableiter nicht. Es geht auf unsere Kappe, und wir müssen uns der Verantwortung stellen. Und genau da liegt der Hund begraben.
Versagen ist eine Chance. Sich kritisch hinterfragen, was falsch gelaufen ist. Doch die wenigsten können das. Stattdessen wird geleugnet, verdrängt, gekämpft, verzweifelt. In einer erfolgsorientierten Wirtschaftswelt haben wir das Versagen tabuisiert: Wer versagt, ist schwach. Wer schwach ist, wird aussortiert, kommt auf den Müll und kriegt Hartz IV.
Dieser äußere Erfolgsdruck führt dazu, dass Menschen sich selbst immer weniger verzeihen können, wenn sie versagt haben. Der innere Richter trumpft groß auf mit Urteilen wie “Ich hab’s ja schon immer gewusst!” oder “Ich habe es [den Verlust der Arbeit, des Partners etc.] nicht anders verdient!” Die schwierigste Reaktion auf eigenes Versagen ist das sorgsame Innehalten, wenn die erste Scham vorbei ist. Damit man klar benennen kann, wo es gehakt hat. Und es akzeptiert.
Denn nur wenn man sich verzeiht, findet man Frieden und die Kraft, weiterzumachen. Ich kenne Menschen, deren Leben zerbrochen ist, weil sie versagt haben und nicht die Kraft finden, sich zu verzeihen. Dabei kann Versagen einen enormen Reifungsschub bewirken. Es gibt im Film “The Core” eine Szene, in der sich ein erfahrener NASA-Pilot (Bruce Greenwood) und eine junge, äußerst ehrgeizige Pilotin (Hilary Swank) unterhalten. Es geht um eine neue Mission, die Swank anführen will:
BG: “Sie können üben, solange Sie wollen. Das macht Sie noch lange nicht zum Commander.”
HS: “Woran Sie mich ständig erinnern.”
BG: “Wissen Sie, ich bezweifle ja, dass Sie darauf hören werden, aber ich versuch’s trotzdem. Bei der Führung geht es nicht um Fähigkeiten. Sondern vielmehr um Verantwortung.”
HS: “Verstanden, Sir.”
BG: “Nein, haben Sie nicht, Meg. Man ist nicht nur verantwortlich für die richtigen Entscheidungen, sondern auch für die schlechten. Das gehört nun mal zum Geschäft. Man muss bereit sein, beschissene Entscheidungen zu treffen.”
HS: “Wie kommen Sie darauf, dass es bei mir anders sein könnte?”
BG: “Weil Sie so gut sind. Ihnen ist noch nichts begegnet, womit Sie nicht fertig geworden sind. [...] Es ist so, dass Sie ans Siegen gewöhnt sind. Und man kann erst dann wirklich führen, wenn man mal verloren hat.”
Fragen Sie sich mal selber: Woher kommt die Stimme, die es mir so schwer macht, mir selbst zu verzeihen? Wer spricht da? Kann ich vielleicht eine reale Person zuordnen? Oder ist da eine Situation, eine Erfahrung, die mich für immer geprägt hat? Was passiert, wenn ich vor mir selbst Schwäche und Versagen zugebe? Welches Kartenhaus der Täuschung stürzt dann ein? Nehmen Sie sich Zeit und wagen Sie den Dialog mit sich selbst. Lernen Sie, sich zu verzeihen und entdecken Sie die Kraft, die darin liegt.
Wie komme ich eigentlich auf das ganze Versagensthema? Eine Bekannte von mir, Maggie Wagner, hat letzten Sonntag eine beeindruckende Predigt zum Thema Vorsätze und Versagen gehalten. Und mir freundlicherweise diese Predigt als Download zur Verfügung gestellt. Wer sich also mal mit dem Thema nicht nur aus psychologischer, sondern auch aus christlicher Sicht beschäftigen will, sei das PDF ans Herz gelegt.
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Jahrgang 1975, Diplom-Psychologe mit Hang zur IT, Coach, Autor und hoffnungs- loser Jazz-Fan. Motto: "Es gibt im Leben nur einen richtigen Weg: den eigenen."
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