Führen mit Werten: Authentizität

Da hat es mir doch heute glatt den Morgenkaffee verhagelt. managerSeminare bringt einen Artikel zum Thema Authentizität: “Echtsein macht erfolglos“, der Name ist Programm. Der Psychologe Rainer Niermeyer vertritt darin unter anderem folgende Thesen:

  • Authentizität wird angestrebt, um den komplexen Rollenanforderungen des Alltags zu entgehen.
  • Authentizität stört das sozale Zusammenleben, gemeinsam und über die Zeit geprägte Rollenmuster fördern es.
  • Das Ausdrücken von Gefühlen im Unternehmen ist destruktiv.

Was stört mich an diesem Artikel? Meiner Meinung nach hat der Autor das Konzept “Authentizität” nicht verstanden.

Zuerst einmal: Niermeyer selbst zitiert eine Untersuchung, nach der 900 Befragte vor allem zwei Dinge an ihren Chefs schätzen: Ihr Chef soll “ihnen vertrauen und er soll – authentisch sein”. Suchen diese Mitarbeiter also wirklich im Niermeyerschen Sinne das cholerisch-authentische Kind, den Emotionsbolzen und “Quertreiber”?

Njet, mon capitain. Mitarbeiter wollen den Menschen hinter dem Chef erkennen. Das ist Authentizität. Es muss eine Wahrnehmung gesichert sein, nicht nur von Rolle zu Rolle, sondern von Mensch zu Mensch. Dass auch ein Chef in gewissen Rollenregeln leben muss, steht außer Frage. Daher muss die Forderung heißen: Authentisch sein. Und nur bedingt: authentisch handeln. So ließe sich auch eine Brücke zum Niermeyerschen Gebäude schlagen.

Das ist der Punkt, den der Autor auslässt / vergisst / nicht versteht: Die Ebene der authentischen Persönlichkeitsentwicklung liegt tiefer als die Rollenebene und hat darum mehr Gewicht. Es ist wie mit einem Haus: Sie können ein tolles Erdgeschoss mauern – wenn der Keller schlampig gebaut ist, wird das Haus einfallen. Genauso muss sich ein Mensch im allgemeinen und eine Führungskraft im Besonderen eigene Werte bewusst machen und auf der Ebene der eigenen, “echten” Persönlichkeit abklären. Erst dann hat sie die Wahl, welche davon sie in ihre soziale Rolle integrieren will.

Authentizität ist die Kenntnis über sich selbst und ein daran geknüpftes “mit sich im Reinen sein”. Beide Punkte sind nicht leicht zu erarbeiten. Aber es lohnt sich – für Chefs und Mitarbeiter.

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Datum: 25.11.2008 | Trackback-URL  | Artikel als PDF

2 Kommentare

  1. Guten morgen,

    Habe gerade das Buch The seven steps of effective executive coaching bekommen, und schon in der Einleitung paragraph 3 finde lese ich “only those individuals who behaive autentically can be sucessful on a long term”. Ich bin gespannt wie wit das Thema authenticity im Laufe der Lektuere bewertet wird.

    Aus eigener Erfahrung verbinde ich mir bestem Gewissen Echtsein mit Erfolg, und bei intervieuws von Kandidaten ist die Durchroentgung nach Echtsein bei mir immer relevant. Ich erlaube es mir immer, Kandidaten nach Fehlerfahrungen zu fragen, um zu wissen, wie sie es kommunizieren, wie sie darauf reagiert haben und vor allem, was sie daraus gelernt haben. Ein echter Charakter packt aus und verwandelt ein fracasso in eine Verbesserungsgeschichte.

    Sollte Echt-sein eine Erfolgsbarriere zum Erfolg sein, sollte man vielleicht eine zweite Bruecke zur Diskussion schlagen, was Erfolg im Rahmen eines nicht Echtseins bedeutet.

    If to be or not to be is the question my poisition is “sin equa non”. A non authentic person may be a boss, but not a leader.

    Gruesse aus Brasilien

    Hans Schaeffer

  2. [...] die von Ex-Kienbaum-Berater Rainer Niermeyer, hat sich der Trainer Markus Väth. Sein Blog namens Mensch & Chance (schöner Titel) ist mir bereits vor längerer Zeit aufgefallen. Auch ihm hat der Titel der Story, [...]

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