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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Führen mit Werten: Authentizität

25.11.2008

Da hat es mir doch heute glatt den Morgenkaffee verhagelt. managerSeminare bringt einen Artikel zum Thema Authentizität: “Echtsein macht erfolglos“, der Name ist Programm. Der Psychologe Rainer Niermeyer vertritt darin unter anderem folgende Thesen:

  • Authentizität wird angestrebt, um den komplexen Rollenanforderungen des Alltags zu entgehen.
  • Authentizität stört das sozale Zusammenleben, gemeinsam und über die Zeit geprägte Rollenmuster fördern es.
  • Das Ausdrücken von Gefühlen im Unternehmen ist destruktiv.

Was stört mich an diesem Artikel? Meiner Meinung nach hat der Autor das Konzept “Authentizität” nicht verstanden.

Zuerst einmal: Niermeyer selbst zitiert eine Untersuchung, nach der 900 Befragte vor allem zwei Dinge an ihren Chefs schätzen: Ihr Chef soll “ihnen vertrauen und er soll – authentisch sein”. Suchen diese Mitarbeiter also wirklich im Niermeyerschen Sinne das cholerisch-authentische Kind, den Emotionsbolzen und “Quertreiber”?

Njet, mon capitain. Mitarbeiter wollen den Menschen hinter dem Chef erkennen. Das ist Authentizität. Es muss eine Wahrnehmung gesichert sein, nicht nur von Rolle zu Rolle, sondern von Mensch zu Mensch. Dass auch ein Chef in gewissen Rollenregeln leben muss, steht außer Frage. Daher muss die Forderung heißen: Authentisch sein. Und nur bedingt: authentisch handeln. So ließe sich auch eine Brücke zum Niermeyerschen Gebäude schlagen.

Das ist der Punkt, den der Autor auslässt / vergisst / nicht versteht: Die Ebene der authentischen Persönlichkeitsentwicklung liegt tiefer als die Rollenebene und hat darum mehr Gewicht. Es ist wie mit einem Haus: Sie können ein tolles Erdgeschoss mauern – wenn der Keller schlampig gebaut ist, wird das Haus einfallen. Genauso muss sich ein Mensch im allgemeinen und eine Führungskraft im Besonderen eigene Werte bewusst machen und auf der Ebene der eigenen, “echten” Persönlichkeit abklären. Erst dann hat sie die Wahl, welche davon sie in ihre soziale Rolle integrieren will.

Authentizität ist die Kenntnis über sich selbst und ein daran geknüpftes “mit sich im Reinen sein”. Beide Punkte sind nicht leicht zu erarbeiten. Aber es lohnt sich – für Chefs und Mitarbeiter.

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3 Kommentare


  1. Guten morgen,

    Habe gerade das Buch The seven steps of effective executive coaching bekommen, und schon in der Einleitung paragraph 3 finde lese ich “only those individuals who behaive autentically can be sucessful on a long term”. Ich bin gespannt wie wit das Thema authenticity im Laufe der Lektuere bewertet wird.

    Aus eigener Erfahrung verbinde ich mir bestem Gewissen Echtsein mit Erfolg, und bei intervieuws von Kandidaten ist die Durchroentgung nach Echtsein bei mir immer relevant. Ich erlaube es mir immer, Kandidaten nach Fehlerfahrungen zu fragen, um zu wissen, wie sie es kommunizieren, wie sie darauf reagiert haben und vor allem, was sie daraus gelernt haben. Ein echter Charakter packt aus und verwandelt ein fracasso in eine Verbesserungsgeschichte.

    Sollte Echt-sein eine Erfolgsbarriere zum Erfolg sein, sollte man vielleicht eine zweite Bruecke zur Diskussion schlagen, was Erfolg im Rahmen eines nicht Echtseins bedeutet.

    If to be or not to be is the question my poisition is “sin equa non”. A non authentic person may be a boss, but not a leader.

    Gruesse aus Brasilien

    Hans Schaeffer


  2. [...] die von Ex-Kienbaum-Berater Rainer Niermeyer, hat sich der Trainer Markus Väth. Sein Blog namens Mensch & Chance (schöner Titel) ist mir bereits vor längerer Zeit aufgefallen. Auch ihm hat der Titel der Story, [...]


  3. Ich stimme zu:

    “Mitarbeiter wollen den Menschen hinter dem Chef erkennen. Das ist Authentizität. Es muss eine Wahrnehmung gesichert sein, nicht nur von Rolle zu Rolle, sondern von Mensch zu Mensch. Dass auch ein Chef in gewissen Rollenregeln leben muss, steht außer Frage. ” Exzellent.

    Ich stimme nicht so ganz zu:

    “Daher muss die Forderung heißen: Authentisch sein. Und nur bedingt: authentisch handeln. ”

    Ja, wir bewegen uns als Arbeitende und umso mehr als Chefs im Spannungsfeld zahlreicher Interessen und können in diesem Kontext natürlich nicht alles ausleben oder vertreten was v.a. uns am Herzen liegt. OK. Andererseits, wenn ich zuviel von dem vertreten muss, was andere vertreten, ich aber nicht, werde ich unauthentisch, unzufrieden, brenne mittelfristig aus, da ich mich gegen mich selbst ausspiele. Sicher, man kann dissoziieren, sich außerhalb seiner selbst stellen und sagen: dat is mein Job und dat bin isch. Doch dieses Trennen vom eigenen Selbst ist dauerhaft wie wir von vielen psychologischen Krankheitsbildern wissen eben genau das – krankmachend.

    Doch ich vermute, das ist es was Sie mit bedingt meinten. (dann war ich mal wieder vorlaut, ähm)

    Zu den von Herrn Niermeyer angeführten “Authenzitätsseminaren” kommt mir kommt mir allerdings ganz unabhängig jedweder hier oder von ihm geführten Diskussion ebenfalls der Kaffee hoch. Das erinnert mich an ähnliche Doppelbindungen wie “Sei doch mal spontan!” (analog “Sei doch mal authentisch!”). Sprich: auf Knopfdruck eben jenes zu sein ist schwierig und aus meiner Sicht eher ein Nebenprodukt anderer Veranstaltungen, z.B. gelöster Freizeitaktivitäten und Beisammensein mit einem guten Team oder Freunden. Wenn mir jemand erklärt, wie ich authentisch bin, bin ich es nicht. Dann kopiere ich vermutlich eher jene Person, die mir da was vorbetet. OK, sokratischer Dialog ist eine gute Möglichkeit durch Hinterfragen und eigene Antworten zu finden authentisch zu sein, doch Seminare mit Anleitung? Hm. Ich zweifle.

    Noch nerviger aber ein kürzliches Erlebnis: eine Firma, die mit Aggressionskultur versuchte, mir “Authenzität” aufzuzwingen. Da musste ich passen. Das hatte mehr was von “Fight Club” oder dem Film “The Game”. Ganz nach dem Motto: hier ist meine Definition von authentisch, schluck die Pille, sonst bist Du’s nicht. Nö, Alter! Ich bin ich und wer mir sein Wesen aufzwingen will ist deshalb noch lange nicht mein Erretter. Und dann noch der “bait & switch” Ansatz: sich erst artig als sympathisch und nett verkaufen und sobald der Job anfängt verkommt das alles zur Arschlochkultur (pardon my French…). Das ist nicht authentisch. Das ist Zwang und UNAUTHENTISCH.

    Danke, dass ich Ihren Blog für meine Interessen umlenken durfte und Dampf über dieses leidliche Thema ablassen durfte.

    Jetzt schmeckt mir auch der Kaffee wieder :o ) ! (habe zuviel Zeit hier im Café und es macht Spaß Ihren Blog zu Durchstöbern)

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