Frühförderung als entwicklungspsychologischer Blödsinn

16.01.2008

Der Frühförderungswahn bei kleinen Kindern nimmt immer größere Ausmaße an. Bereits im Mutterleib werden sie mit Mozart traktiert – nichts gegen klassische Musik -, weil das angeblich die Intelligenz fördert. (Übrigens sollen Topfpflanzen auch auf Mozart stehen.)

Kaum in die Leistungsgesellschaft geworfen, geht der Terror weiter: Mathe-Spielchen für Einjährige, pädagogisch wertvolles Pyramidenbauen. Warum nicht Wirtschaftschinesich für 4jährige? Kommt noch. Sicher.

Woher nehmen Eltern das Recht, ihr Kind in den frühesten Stadien seines zarten Lebens bereits dem gnadenlosen Leistungsdenken der ökonomisch orientierten Gesellschaft zu unterwerfen? Natürlich zum Besten des Kindes. Versteht sich. Es muss fitter, tougher, intelligenter sein als der Rest der Bande, damit es später im Karriere-Dschungel überleben kann und die anderen Rudeltiere aussticht. Was dem Kindesalter angemessen ist, wird oft ignoriert. Das hat auch viel mit sozialem Vergleich zu tun. Welche Mutter will nicht vor ihrer Freundin mit ihrem toll entwickelten Kind prahlen? Das signalisiert ja auch: Kuckt mich an, was bin ich für eine tolle Mutter! So viel tue ich für mein Kind! Und teuer ist es ja auch noch!

“Mein Kind soll es einmal besser haben als ich.” Das ist erst einmal eine löbliche Absicht. Aber wann wird aus der Projektion des eigenen biographischen Scheiterns eine gefährliche Vision, die dem Kind die wertvollste und unbeschwerteste Zeit seines Lebens nimmt? Warum darf ein Kind nicht mehr Kind sein?

Ganz abgesehen davon, ist der kindliche Organismus in der Regel nicht darauf eingestellt, diese enormen Datenmengen aus “pädagogischen” Spielen und Interventionen, Englisch-Sprachkursen, Karate und Klavierstunden zu verarbeiten. Man fördert das Kind nicht, sondern bespaßt und beschüttet es mit Reizen, die seinem Alter nicht angemessen sind.

Das Resultat ist keine vermehrte Reizverarbeitung, sondern Reizabblockung. Das geförderte Kind wird zum überforderten Kind. Und es schlägt den einzig richtigen Weg ein: es verweigert sich und signalisiert: Was ihr da mit mir macht, tut mir nicht gut. Bevor Eltern das herausfinden, ist es manchmal zu spät. Das Kind hat die Strategie im Umgang mit neuer Information bereits verinnerlicht. Als erstes kommt die Abwehrreaktion (die wollen wieder was von mir), dann eventuell eine Prüfung (mal schauen, ob es mir gefällt). Bis zum “ja, das mache ich, weil ich es will und für gut befinde” ist es so ein weiter Weg.

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