Weihnachten und die drei Siebe des Sokrates
19.12.2007Das Fest der Liebe – so heißt es jedenfalls. Weihnachten. Angeblich “stille Zeit”, Besinnlichkeit, Zeit des festlich geschmückten Weihnachtsbaumes. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite: Streit in der Familie, Tränen, Verlogenheit, Einsamkeit. Weihnachten hat eine hohe Selbstmordrate. Darüber spricht man selten, will man doch die Illusion nicht zerstören, es gäbe wenigstens eine Zeitlang eine Phase des (inneren und äußeren) Friedens. Eine Käseglocke des Glücks.
Frieden und Liebe kann man nicht herbeizaubern, weder in der Welt noch in der eigenen Familie. Doch Streit und Unfrieden beginnen in der Regel mit der natürlichsten Form des Austauschs: Gespräch und Kommunikation. In den Alltagsgesprächen entscheide ich, wie ich mit dem Anderen umgehe. Wenn ich nun die Weihnachtstage ganz konkret möglichst friedlich hinter mich bringen will, braucht es keine komplizierten Theorien. Es genügt, sich die alten Griechen anzusehen, insbesondere Sokrates. Sokrates war einer der ersten Denker, die ein “Kommunikationsmodell” entwickelt haben: die drei Siebe. Durch diese Siebe (Fragen, die man sich selbst stellt) sollte ein Gedanke erst hindurchfallen, bevor man ihn ausspricht.
Das erste Sieb: Ist es wahr?
Grundsätzlich darf man nur wahre Dinge sagen. Klingt hart, oder? Psychologen haben festgestellt, dass Menschen Dutzende Male am Tag lügen. Oft sind das keine großen Lügen. Manchmal lügt man aus Höflichkeit, aus Takt. Vielleicht hat die Lüge sogar ihre Berechtigung. Man will den anderen nicht verletzen. Aber es gibt auch niedere Motive: den eigenen Vorteil, Intrigen, Hass. Die Alltäglichkeit der Lüge hat sich sogar im Sprachgebrauch festgebrannt. Politiker bezichtigen sich gegenseitig nicht der “Lüge”, sondern der “Unwahrheit”. Das ist weichgespült und feige. Was Lüge ist, muss Lüge genannt werden. Egal, ob es sich um Politiker oder um andere Menschen handelt.
Folgt man Sokrates, darf man nie lügen. Unwahrscheinlich schwer, doch es gibt ja noch die beiden anderen Siebe. Will sagen: Bevor ich lüge, habe ich nicht nur die Option, die manchmal schwere Wahrheit zu sagen, sondern – überhaupt nichts.
Das zweite Sieb: Ist es gütig?
Okay, wir sind über das erste Sieb hinaus. Das, was wir sagen wollen, stimmt. Jedenfalls in unserer Weltsicht. Wirkt es sich aber auch positiv aus, wenn ich es sage? Ist es konstruktiv, im wahrhaftigsten Sinne “gütig”? Ist es von Respekt und Liebe dem Anderen gegenüber getragen? Oder dient meine Aussage nur dazu, mich auf Kosten meines Gesprächspartners besser zu fühlen, ihn zu erniedrigen, während ich mich erhöhe?
Das zweite Sieb fordert, meine Haltung gegenüber anderen Menschen zu erforschen und ehrlich zu mir selbst zu sein. Wenn ich mit meinen Aussagen Zwietracht säe, ist es nach Sokrates besser, zu schweigen – auch wenn sie wahr sind.
Das dritte Sieb: Ist es notwendig?
Hier bedeutet “notwendig” buchstäblich “die Not wenden”. Ist meine Aussage sinnvoll für eine Verbesserung der Lage? Hilft sie dem anderen weiter? Schafft sie eine tragfähigere, positivere Beziehung zwischen dem Anderen und mir?
Man beachte, dass das, was ich sagen will, bereits durch das Sieb der Güte gefallen ist. Einen kritischen Punkt haben Sie bereits gemeistert. Jetzt kommt es auf Ihre Beurteilung an. Auch wenn ich jemanden respektiere, ja liebe, und ich ihm auch etwas Wahres sagen will: Kann er das im Moment brauchen? Oder stülpe ich ihm vielleicht meine Weltsicht über? Dies muss man entscheiden.
Theorie und Praxis
Wenn wir den Rat von Sokrates befolgen wollen, haben wir harte Zeiten vor uns. Es bedarf fast übermenschlicher Anstrengung, seinen Regeln immer und überall zu folgen. Dennoch entbindet uns das nicht von der Pflicht, es zu versuchen.
Ein kleiner Impuls zum Schluss: Denken Sie an die Kommunikation in Ihrer Familie, in der Wirtschaft oder in der Politik. Dann bekommen Sie eine Ahnung davon, wie weit wir von den hehren Vorstellungen des Sokrates entfernt sind.
Ich persönlich glaube jedoch an die Einsichtsfähigkeit des Menschen, an seinen guten Willen und an sein Hoffen auf eine bessere Welt und ein friedlicheres Zusammenleben. Insoweit bieten die drei Siebe des Sokrates eine kleine, handliche Gebrauchsanweisung, um im eigenen Wirkungskreis mit Respekt und Wahrhaftigkeit zu beginnen.
Ich wünsche allen meinen Lesern ein friedliches und gesegnetes Weichnachtsfest.
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Hallo Markus,
prima Idee, das an Weihnachten zu verschicken. Möge in den Familien mehr Wahrheit und Liebe (in der Handlung, z.B. der Sprache) einziehen.
Frohe Weihnachten und alles Liebe Dir und Deiner Frau.
Hallo Markus,
diese kleine Gebrauchsanweisung hätte unser Höchster mit jedem Gehirn mitgeben sollen, es hätte wohl vieles erspart. Schöne Idee. Aber auch ich glaube an das Gute im Menschen, vielleicht besinnen sich ja mehr Leute auf die drei Siebe, gerade jetzt in der “besinnlichen Zeit”.
Gesegnete Weihnachten und alles Liebe an Dich und alle, die Dir lieb und teuer sind.