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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Die Wertedebatte ist verlogen und sinnlos

04.03.2010

Manchmal falle ich vom Glauben ab. Wenn ich wieder eines dieser Gespräche führe, in meinem Büro, in einer Hotel-Lobby, in einem Meeting-Raum irgendwo  in der Republik. Die Kaffeetassen sind leer, der Blick meines Gesprächspartners ist nach innen gerichtet, schweift dann über die Decke und aus dem Fenster. Es geht um Korruption, Mobbing, das Zerstören von Karrieren, den Kampf um Macht und Privilegien. Alltag in deutschen Firmen.

Ich bin in einer Branche unterwegs, in der man viele kleine und große Schweinereien mitkriegt, von der Nadelstich-Intrige bis zum großen Unternehmensbetrug. Darüber spricht keiner, aber alle wissen, wie’s läuft. Da gibt es die Weggucker, die Mitläufer, die Drahtzieher, die geschassten Verweigerer. “Irgendwann hat jeder Dreck am Stecken”, meint ein Manager, der mir gegenübersitzt. “Anders geht’s gar nicht.”

Die andere Seite: Trainer und Coaches, Wertedebatten-Führer, beseelt von der Mission, den guten Menschen im Unternehmen zu installieren: kommunikationsstark, menschenfreundlich, fachlich kompetent, authentisch, empathisch. Eine ganze Branche lebt davon, vom kleinen Selbständigen wie mir bis zur großen Change Management – Agentur. Wir, die Krieger des Lichts, führen im guten Glauben den Kampf gegen die dunkle Seite der Macht. Glauben, wir können etwas ändern, etwas bewirken. An guten Tagen glaube ich das auch.

Aber nicht heute. Deswegen sage ich: Die Wertedebatte ist verlogen und sinnlos. Kein Change Manager wird es schaffen, eine neue Unternehmenskultur zu installieren, kein Trainer, kein Coach. Das Einzige, was er produziert, sind falsche Hoffnungen bei den Mitarbeitern.

Der Fisch fängt immer am Kopf das Stinken an. Daher ist Change nur in einem Fall möglich: wenn die Unternehmensspitze glaubhaft dahinter steht und es gegen interne Widerstände nach unten durchdrückt. Sonst ist die ganze Veranstaltung Show für die Galerie. Manchmal glaube ich, dass das möglich ist. Aber heute nicht.

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Kategorie: Change, OE, PE | Trackback-URL

7 Kommentare


  1. [...] Quellen:mensch&chance: Die Wertedebatte ist verlogen und sinnlos [↩] März 4th, 2010 in Aufgelesen, Führung [...]


  2. [...] In diesem nimmt er kein Blatt vor den Mund und macht eine Momentaufnahme vieler Unternehmen und deren “Unternehmenskulturen”. Dabei geht er dann auf seinen eigenen Einfluss ein, den er durch seine tägliche Arbeit in diesen Firmen hat. Hier geht es zu dem Artikel Die Wertedebatte ist verlogen und sinnlos. [...]


  3. möglich ist das schon, in Abhängigkeit auch der Firmengröße. Mittelständler mit Eigentümerspeerpitzen tun sich aufgrund der Präsenz als Vorbild wesentlich leichter. Bei uns (60 Mitarbeiter) ist dies ein aktueller und ständiger Prozess, welcher sich dank moderatem Firmenwachstum setzen und entwickeln kann.


  4. Es gibt Branchen, da macht sich jeder dreckig. Unter Wölfen kann nur ein Wolf überleben. Das Trainer wirklich glauben könnten, Sie können die Kultur eines Unternehmens verändern, gehört zu deren Allmachtsfantasien. Da kann man auch glauben die Prostitution vergrößere Liebesfähigkeit der Menschen.
    Eine Wertdebatte ist eine Anzeige, sie verändert nichts. Sie macht nur deutlich was fehlt. Mit Debatten lassen sich Werte schon gar nicht herstellen.


  5. Mich freut die erfrischende Andersartigkeit, dass Sie zu Ihren schwachen, zweifelnden Momenten stehen, dennoch aber aufzeigen können, wo Sie wollen, dass die Fahrt eigentlich hingehen sollte. Ja, diese Tage und Stunden, an denen man echt den Mond an ‘ner anderen Stelle aufhängen will, damit er nicht im Weg der Sonne steht, gibt es. Doch die wenigsten sind so ehrlich und geben das zu. Passt auch zu den Lügenmärchen der Chefetage.

    Es gibt viele Bereiche, in denen man sich mit dem Arschlochvirus identifizieren kann, wie Bob Sutton es so schön in seinem Buch “Der Arschlochfaktor” beschreibt (s. Typepad Blog). Es gibt dafür prädestinierte Branchen, Führungsriegen, Persönlichkeitsstörungen, Mitläufer, etcpp. Doch es gibt auch den Trend der die Schnauze genau davon voll hat und auf Nachhaltigkeit setzt. Natürlich auch hier Nachahmer und Trittbrettfahrer mit Dreck am Stecken.

    An schlechten Tagen setze ich mich in die Ecke, heul ne Runde, kaue auf meiner alten Zahnbürste rum, werfe die High Heels ins Klo und schnauze mein Spiegelbild an. An guten Tagen aber (und die sind die deutliche Mehrzahl) da schnackelt es und ich nutze die Erkenntnisse aus den Tiefpunkten. Denn durchgängig, egal was kommt, versuche ich die Spreu vom Weizen zu trennen und solche Nervbacken und Trittbrettfahrer, Egomanen, Wichtigtuer, Querfurzer, Tyrannen, Saboteure, Ich-hau-dich-wenn-du-am-Boden-liegst-Treter, Radfahrer-Mentalisten (oben buckeln-unten treten) usw. wenigstens zu identifizieren, damit ich mir nach den mir zustehenden Tiefpunkten wenigstens immer meinen klaren Verstand und Durchblick erhalte.

    …Und dank alledem nutze ich dann die High Heels beim nächsten Mal ganz ordentlich und so wie sich’s gehört: nämlich um irgendwelchen Fischen, die vom Kopf stinken ordentlich gegen’s Schienenbein zu treten. Die gar nicht so geheimen Waffen der Frau… LOL

    Das sitzt dann eigentlich immer. :o )

    Bestens,
    ich


  6. “wo Sie hin wollen” sollte das eigentlich heißen… hm…


  7. Freud’sche Fehlleistung… Schienenbein… Ja, danach sind sie dann geschient, die Schienbeine der Scheinbaren Heiligenscheine, die’s v.a. auf die großen Scheine abgesehen haben… schmunzel.

    Nix gegen den schnöden Mammon, doch es gibt auch noch was anderes im Leben.

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