Die Festanstellung – ein Auslaufmodell?

28.08.2009

Die aktuelle ZEIT (36/2009) bringt unter dem Titel “Zweiklassengesellschaft” einen Artikel [leider nicht online verfügbar] über “unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze”: Teilzeitstellen, befristete Stellen, Leiharbeit und Minijobs.Da heißt es unter anderem:

Vor zehn Jahren hatten noch fast drei Viertel der deutschen Erwerbstätigen eine ganz normale, unbefristete und versicherungspflichtige Vollzeitstelle. 2008 waren es nur noch zwei Drittel.

Ich will hier gar nicht über Prozent-Angaben streiten; mir geht es um etwas anderes. Meiner Ansicht nach ist eine unbefristete und versicherungspflichtige Arbeit eben nicht mehr normal. Wir Deutschen sollten uns von der Phantasie verabschieden, wir könnten in der Arbeitnehmerlandschaft in die seligen Zeiten von “einmal beim Bosch, immer beim Bosch” zurückkehren. Diese Zeiten sind vorbei, unwiderruflich. Daher ist auch das Wörtchen “normal” im Zitat ebenso verräterisch wie unangemessen.

“Normal” werden in Zukunft eine ganze Menge von Arbeitsverhältnissen und Beschäftigungsmodellen, bis hin zu Patchwork- und “horizontalen” Karrieren (im Gegensatz zur bisherigen “vertikalen” Karriere). Darüberhinaus wird in der medialen und realen Diskussion eine ganze Arbeitsgruppe vergessen: die Selbständigen. Diese werden in der Zukunft immer stärker werden.

Im Moment beträgt der Anteil der Selbständigen in Deutschland ca. 10%. Für die Mentalität der Deutschen bedeutet dies, dass Selbständige in unserer Gesellschaft entweder für doof angesehen werden oder für unfähig, als Arbeitnehmer unterzukommen oder im Gegenteil als steinreich und FDP-Wähler. Dabei haben Organisationen wie 20prozent schon längst den Braten gerochen. Auf deren Startseite heißt es zu ihrem Selbstverständnis:

Das Ziel Die Verdoppelung der Selbständigenquote auf 20% bis 2020! Warum? Damit trotz weltweitem Strukturwandel, dem Verschwinden des alten Industrie- und Produktions-Sektors in Deutschland und den damit einhergehenden Massenentlassungen alle (also 100%) Menschen eine Arbeit finden und ein Einkommen haben.

Die Wirkung Mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung, mehr Unternehmer und Unternehmen, mehr Arbeitsplätze, mehr Freiheit, weniger Sorgen und mehr Glück!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass drei Beschäftigungsformen in Zukunft Deuschlands Arbeitsszene prägen werden:

  1. Das “herkömmliche”, vollzeitige, unbefristete Arbeitsverhältnis. Diese werden weniger, und die Arbeitnehmer sollten sich auf diese Tatsache mental vorbereiten. Da hilft kein Jammern, das Leben wird unsicherer.
  2. “Alternative” Arbeitnehmerverhältnisse: befristete Stellen, Zeitarbeit, Minijobs. Diese nehmen zu.
  3. Selbständigkeit, Freelance. Diese nehmen ebenfalls zu, und Deutschland sollte darauf mit Freude zum Risiko reagieren.

Ich verfolge die Debatten um Opel, Arcandor und andere Insolvenzen genauso wie jeder andere und mir tut es leid um jeden dort verlorenen Arbeitsplatz. Andererseits stelle ich in Diskussionen mit “normalen” Arbeitnehmern oft auch eine Vollkasko-Mentalität fest: Der Staat soll für dies zahlen, der Staat soll für das zahlen etc. Manchmal wünschte ich solchen Leuten, nur vier Wochen als Selbständiger durchzuhalten. Dann würden sie das Wirtschaftsleben in Deutschland und auch eigene Ansprüche an Staat und Gesellschaft möglicherweise mit anderen Augen sehen.

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Kategorie: Beruf & Karriere | Trackback-URL

5 Kommentare


  1. Habe grade zufällig einen Artikel gelesen, in dem beschrieben wird, dass die Selbstständigkeit grade in Zeiten der Wirtschaftskrise immer gefragter wird, nicht zuletzt als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit!

    http://www.tlz.de/tlz/tlz.gera.volltext.php?kennung=on5tlzLOKStaGera40051&zulieferer=tlz&kategorie=LOK&rubrik=Stadt&region=Gera&auftritt=TLZ&dbserver=1

    Wer trotzdem weniger “Freude zum Risiko” hat, der greift auf das Vertriebssystem des Franchising zurück, wodurch die Risiken einer Existenzgründung erheblich verringert werden. Kein Wunder, dass auch hier die Nachfrage steigt…

    http://www.franchiseportal.de/franchise-franchising/Article/ID/292/Session/1-ai7bwP5t-0-IP/guidObject/025149-20090817-152513-01/Mit_Franchising_die_Krise_meistern.htm

    Gruß, der Tobi


  2. @ “Tobi”
    Ich habe Ihren Kommentar freigeschaltet, aber das nächste Mal Eigenwerbung bitte weniger plump…
    Abgesehen davon bezweifle ich, ob die Risiken beim Franchising tatsächlich “erheblich geringer” sind.


  3. Ja, der ZEIT-Geist scheint wirklich im letzten Jahrhundert stecken geblieben und das leider auch noch unreflektiert. Ich finde die Kombination in dem Zitat hoch interessant: normal + unbefristet + versicherungspflichtig + Vollzeit. Was hier als “normales” Arbeitsverhältnis dargestellt wird, hat historisch in großem Umfang und mit dem Sicherheitspaket für die Mehrheit der Arbeitnehmer erst ab 1950 funktioniert. Und im Rückspiegel ebbte dieser “Zustand” auch schon in den 1980er Jahren wieder ab. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren “damals” offenkundig völlig andere als heute und die “Globalisierung” war noch nicht in aller Munde. In den Köpfen scheint sie ja heute auch noch nicht angekommen zu sein. Statt den guten, alten Zeiten nachzutrauern wäre es in der Tat zielführender, Leute zu ermutigen, darüber nachzudenken, wie sie ihre Fähigkeiten am Markt möglichst effektiv darstellen und verkaufen, oder wie sie sich weiterentwickeln können, oder wie sie es schaffen, “ins Geschäft zu kommen”, oder ….
    Es gäbe also genügend Stoff für ZEIT-gemäßere Artikel. Danke übrigens für den Hinweis auf die 20prozent Initiative.
    Andreas


  4. @ Andreas Steinert
    Ich merke in meiner Arbeit auch, dass viele Arbeitnehmer immer noch Probleme haben, sich zu “vermarkten” bzw. ihre Stärken gezielt zu kommunizieren. Da kommen dann Sätze wie “das bin ich doch nicht” oder “ich bin doch kein Verkäufer”. Dabei geht es ja nur darum, nicht die Schwächen zu betonen (das machen wir ja alle sowieso), sondern ausgewogen eben auch die eigenen Stärken. In diesem Sinne müssen sich Arbeitnehmer heutzutage noch emanzipieren, denke ich.


  5. @Markus Väth
    Der Emanzipationsgedanke gefällt mir gut. Denn jeder Arbeitnehmer profitiert davon, sich über die eigenen Stärken bewusst zu werden und diese in seiner “normalen, unbefristeten, versicherungspflichtigen, Vollzeittätigkeit” auszuleben. Das fördert dann zumindest das Selbstbewusstsein, den Spaß an der Arbeit und hoffentlich auch die Anerkennung und Wertschätzung. Wenn der Rahmen im Unternehmen dann noch stimmt, hilft das auch die Karriere. Falls das mit der Karriere nicht klappt, hilft es der Employability auf die Sprünge – oder ebnet den Weg in die Selbstständigkeit. Hört sich irgendwie besser an als darauf zu warten, dass irgendjemand für einen die Welt wieder zu recht rückt.

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