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 Alltagsnotizen eines Psychologen



Coaching und die Warum-Frage

14.09.2009

Seitdem ich coache, begleitet mich ein Schatten. Auf Kongressen, in persönlichen Gesprächen, in Netz-Debatten. Es ist der Schatten des “systemischen Coachings”.

Der Schatten flüstert mir zu, es gehe nicht um das “Warum”, nicht um Ursachen oder “Schuld”, sondern um Zusammenhänge innerhalb eines Systems, mit dem Klienten als Teilnehmer davon. Es sei nicht zielführend, nachgerade schädich, das Warum auszugraben und darauf herumzureiten. Man stehe zusammen mit dem Klienten im Hier und Jetzt, schaue nach vorn und entwickle maßgebend der erarbeiteten Ziele die Schritte zu deren Verwirklichung.

Zugegeben: Es gibt Coachings, die sind so einfach. Doch je länger ich als Coach arbeite, desto sinnloser kommt mir dieses “systemische Axiom” für meine Arbeit vor. Das fängt schon bei einem simplen Karrierecoaching an: Die berufliche Entwicklung eines Klienten stockt, weil er – wie es scheint – gegenüber seinen Entwicklungsmöglichkeiten rationale Gründe anbringen kann, diese nicht einzuschlagen. Doch es stellt sich heraus, dass er eine berufliche traumatische Erfahrung hinter sich hat, die ihn daran hindert, überhaupt einen neuen Weg einzuschlagen. Was also tun?

Vielleicht liegt es an meinem therapeutischen Hintergrund, aber ich gehe der Frage nach dem Warum in meinen Coachings nach. Weil ich davon überzeugt bin, dass der Klient seine Dynamik begreifen muss, bevor er sie verändern kann. Daher verstehe ich mich auch gerne als eine Art Detektiv. Erst wenn etwas bewusst wird, kann man es betrachten. Betrachten ist der erste Schritt zur Veränderung. Veränderung bringt Resultate.

Daher plädiere ich für eine Neubewertung des systemischen Ansatzes im Coaching und für die Einbeziehung der Warum-Frage.

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2 Kommentare


  1. Vielen Dank für diese Frage und die dazugehörige Antwort. Sie spricht mir aus der Seele und meinen bis jetzt vierjährigen Erfahrung als systemischer Coach. Ich hinterfrage meine Arbeit immer wieder aufs Neue nach dem Motto “hättest Du nicht vielleicht doch schneller zum Ziel können kommen – auch ohne den korrespondierenden Stress oder die Dynamik vorher aufzulösen?”. Aber immer wieder bestätigt sich genau das von Ihnen erwähnte: Erst müssen diese Dynamiken aufgelöst werden, bevor der Klient eine kongruente Entscheidung treffen kann. Solange da noch ein “Ich habe den Tod verdient” oder “Ich bin wertlos” als unbewusster Glaubenssatz sein Unwesen treibt, macht es keinen Sinn einen neuen Job zu suchen, der zugleich auch “Berufung” sein soll.


  2. Glückwunsch, dass Sie zu dieser Einsicht gekommen sind! Das ist in der Tat eines der sehr deutlichen Grundübel des systemischen Coachings. Ebenso wie die Tatsache, dass psychologische Grundfesten und Bezüge geleugnet werden. Wie kann jeder Mensch gut und das System gesund sein, wenn Alltags-Psychopathen ihren extrem überproportionalen Schaden treiben? Der systemische Ansatz leugnet viel hiervon.

    Und genau an den traumatischen Erlebnissen ihrer Schützlinge scheitern sie dann zurecht. Oder besser gesagt: wachen Sie auf und merken – moment mal, an diesem Denksystem ist was unausgereift.

    An vielen Stellen ergänzen sich die Ansätze. Doch in letzter Instanz würde ich polarisierend sagen Psychologie > Systemisches Konstrukt.

    Es fehlt an mancher Stelle an ausgereifter Harmonisierung der beiden Konzepte. Beispiel: systemisches Denken sagt “Das System war Schuld an Abu Ghraib”. Die Psychologie wohl eher: “Da waren Sadisten, Psychopathen und Mitläufer am Werk”. Dass das eine aber die Ursache für das andere ist (psychologische für systemische) wird gerne von den beiden Lagern ausgeklammert. Meines Erachtens vom systemischen Lager deutlich (!!) mehr als umgekehrt.

    SC ist auch von daher als alleinstehendes Konzept eher kein valides, gesundes, glaubwürdiges Mittel. Es hat zu viele Löcher.

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