Coaching, Klempnern und Jazz
07.09.2009Learn the changes, then forget them.
Diesen Satz hat Charlie Parker geprägt, der – neben John Coltrane – beste Saxofonist, den die Welt je gesehen hat. Was er damit sagen wollte, war: “Zuerst musst du dein Handwerk beherrschen, die Akkorde (=changes). Dann müssen sie dir so in Fleisch und Blut übergehen, dass du beim Spielen nicht mehr an sie denken musst. Erst dann wirst du ein Meister sein.” Insoweit hat Coaching viel mit Kunst und Jazz zu tun. Auch Coaching ist von Inspiration getragene Kunst, ein Handeln aus dem Impuls heraus. Manchmal führe ich ein Coaching-Gespräch, und auf einmal kommt mir eine Frage in den Sinn, die wenig bis gar nichts mit dem aktuellen Thema zu tun hat. Ich stelle die Frage, und oft treffe ich damit ins Schwarze: Der Klient erlebt einen “Aha”-Effekt.
Doch die Inspiration, die Intuition im Coaching ist nichts ohne ein gelerntes Handwerk, eben die “changes”, wie man im Jazz sagt. Amateure verklären die Intuition zum alleinigen Weg, doch der Profi weiß, dass Intuition eine höhere Wahrnehmung ist, die ebenso auf Gefühl wie auch auf Erfahrung und angewandten Methodenkenntnissen beruht. Diese Methoden muss man auch im Coaching lernen: Fragetechniken, Visualisierungstechniken, Inneres Team, TA und und und. Nicht jeder Coach kann alles lernen, aber Einiges muss er sehr gut lernen. Unter diesem Aspekt ist Coaching wie Klempnern. Ich muss nicht nur wissen, was ein Abflussrohr ist, ich muss es auch fachmännisch abdichten können. Amateure werden daher nie über ein gewisses Maß an Leistung hinauskommen, weil sie den Arbeitsaufwand für die Methoden scheuen.
Für mich ist der kompetente Coach eine Mischung aus Jazzer und Klempner. Er hat sein Handwerk gelernt, und mit zunehmender Erfahrung muss er sich nicht mehr auf die Ausführung von Techniken konzentrieren, sondern kann “den Geist wandern lassen”, auf viel mehr Dinge achten. Schließlich kommt die Inspiration und Intuition dazu. Dies erfordert Kreativität, aber auch den Mut, gelernte Wege zu verlassen, Neues zu verbinden und zu vertreten.
P.S. Allen, die sich einen Eindruck von Parkers Brillanz und improvisatorischer Klarheit verschaffen wollen, sei diese Aufnahme ans Herz gelegt:
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