Coaching-Branche: Frust follows function.

15.06.2009

Im Moment geht mir die Coaching-Szene ziemlich auf den Senkel. Es ist so anstrengend, in einer Branche tätig zu sein, die sich ständig versucht zu definieren. Und die sich statt mit einvernehmlichen Richtlinien mit selbstverordneten Scheuklappen ausstattet. Kostprobe: “Ein Klient findet den zu ihm passenden Coach. Und umgekehrt.” Sozusagen ein kosmischer Automatismus. Die Vollkasko der kommerziellen Seelsorge.

Das finde ich ein bisschen dürftig. Ein Ingenieur kann sich auch nicht aussuchen, welche Brücke er jetzt baut. Da braucht es eine Grundkompetenz; entweder kann ich Brücken bauen oder nicht. Aus der Kompetenz erwächst Verantwortungsgefühl, und das vermisse ich bei manchen Coaches. Wenn ich als Coach kein Ergebnis erziele, naja, dann hat halt der Klient doch nicht so gepasst. Oder gerade das Nichterreichen des Zieles wäre doch für den Klienten jetzt gerade das Richtige und würde ihm neue Einsichten öffnen. Mit solchen Statements hat man die Hüpfburg der Realität schon fast verlassen und ist dabei, hart auf den Boden der Scharlatanerie aufzuschlagen. Oder man ist wirklich so gut und gehört zu der Handvoll Coaches in Deutschland, die mit einer solchen Aussage tatsächlich Weitblick beweisen.

In der Coachingszene ist oft vom “Privileg” die Rede, mit Menschen arbeiten zu dürfen. Von “Entwicklung”, “Mehrwert” und anderen blumigen Begriffen. Das ist einerseits schön, andererseits langt’s mir persönlich nach einiger Zeit auch wieder. Bei Diskussionen in einschlägigen Foren mit einschlägigen Verdächtigen frage ich mich des öfteren, wieviel eigene Sinnsuche Coaches in ihr Tun packen und wann eine gewisse (positive) Abgeklärtheit eintritt. Schon Spiderman wusste: “Aus großer Macht erwächst große Verantwortung.” Ich persönlich musste mich schon im Studium damit auseinandersetzen. Ich habe genug mit Menschen gearbeitet, um auch die Blut-Schweiß-und-Tränen-Seite zu kennen. Man denkt wenig über Konstruktivismus nach, wenn man eine Wohnungstür eintritt, weil sich dahinter jemand erhängt haben könnte. Alles schon erlebt, danke sehr.

Mir geht inzwischen auch total das Interesse an anderen Coach-Blogs ab. Ein Blog habe ich entdeckt, das mich anscheinend kopiert. Das Layout ist jedenfalls praktisch gleich, und Feature-Ideen (wie Interviews) werden zeitnah nachvollzogen. Ist zwar schmeichelhaft, aber auf die Dauer auch langweilig.

Ich hatte einige Coach-Blogs per RSS abonniert; die Abonnements habe ich fast alle gelöscht.  Das meiste war austauschbar. Eben wolkig, blumig, kernlos. Schreibe ich auch so? Hoffentlich nicht. Jetzt konzentriere ich mich auf fachfremde Blogs, die persönlich sind, anders. So versuche ich auch zu schreiben; deshalb sind meine Einträge auch vielfältig. Ein Marketing-Mensch würde jetzt vielleicht seine Kanone entsichern, aber mir gefällt’s.

Wisst ihr was: Vergesst es. Vielleicht ist das nur mein Montagabend-Blues. Ich weiß es nicht.

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1 Kommentar


  1. Hallo Herr Väth,
    ein Artikel, der mir aus der Seele spricht.
    Schönen Gruß nach Nürnberg
    Rolf Söder

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